Interview veröffentlicht am  14.09.2017

„Und was heißt das für uns, die Jüngeren?“

Zwei Generationen diskutieren über die Rente

Interview zur Generationengerechtigkeit © DCDA

Das Thema geht Jung und Alt an, wird in Familien, der Politik und unter Chemiemitarbeitern heiß diskutiert: die Rente. Was wissen die Beschäftigten über Rentenversicherung, Altersarmut und Regelaltersgrenze? Was über Generationengerechtigkeit und Vorsorge? Im Chemiepark Knapsack bei Köln haben sich ein Vater und seine Tochter auf eine Interview-Couch gesetzt und debattiert.

 

Der Vater Andreas Breitbach, 51 Jahre alt, ist gelernter Schlosser, Maschinenbau-Techniker und langjähriger Mitarbeiter des Industriedienstleisters InfraServ Knapsack. Seine Tochter Lena Breitbach, 21 Jahre alt, hat Industriekauffrau gelernt und arbeitet im selben Unternehmen.
 

Herr Breitbach, wie lange müssen Sie noch bis zur Rente?
Vater: Etwa 15 Jahre. Aber von „müssen“ würde ich nicht reden. Ich gehe gern arbeiten.
 

Haben Sie schon Pläne für den Ruhestand?
Vater: Sicher. Ich möchte mit meiner Frau noch einige Reisen machen. Mal so richtig vier, fünf Wochen lang. Im Beruf kann man das nicht so gut. Ich hätte auch Lust, mir einen Oldtimer zu kaufen und den dann zu restaurieren. Ich möchte dann schon, nach zirka 50 Jahren Arbeit, das Leben ein wenig genießen.

Das Leben im Ruhestand genießen? Geht das überhaupt? Die monatliche Altersrente von Männern betrug laut Bundesregierung zuletzt im Durchschnitt 1.025 Euro, bei Frauen 640 Euro. Das klingt nicht nach großen Sprüngen. Aber es kommt noch einiges hinzu: Aus Betriebsrenten oder privater Vorsorge beziehen die meisten zusätzlich Geld. Männern steht als Nettoeinkommen das Anderthalbfache der Rentenzahlung zur Verfügung, Frauen das Doppelte. Und Ehepaare kamen 2015 auf netto 2.572 Euro in den alten Bundesländern sowie 2.257 Euro in Ostdeutschland.

 

„Die Renten funktioniert als Generationenvertrag“

Frau Breitbach, was erfährt man in der Ausbildung über die Rente?
Tochter: Wir haben gelernt, wie man in der Personalabteilung die Abrechnung für die Sozialversicherungen macht. Den Rentenbeitrag zahlen Arbeitnehmer und Arbeitgeber je zur Hälfte.
Vater: Lernt ihr auch, dass die Rente als Generationenvertrag funktioniert?
Tochter: Das heißt was?
Vater: Dass wir zurzeit die Rente von Opa bezahlen und dass Du und Deine Generation einmal meine Rente zahlen werdet. Die Jungen finanzieren die Alten. Deshalb ist es ein Problem, wenn es immer weniger Junge und immer mehr ältere Menschen gibt.


Stimmt. Es gibt nicht nur weniger Kinder als früher, die Deutschen leben auch immer länger. Hatte ein 65-jähriger Mann 1970 im Schnitt 14 Lebensjahre vor sich, lebt er heute noch 18 Jahre, Frauen sogar 21 Jahre. Für das Rentensystem ist das eine Herausforderung. Mitte der 1990er kamen auf einen Rentner vier Erwerbstätige. Jetzt sind es nur noch drei. Und 2030, wenn die geburtenstarken Jahrgänge im Ruhestand sind, werden zwei Personen im Erwerbsalter einen Rentner finanzieren.

 

Tochter: Versteh‘ ich das richtig? Wir jungen Leute müssen später für immer mehr Rentner zahlen?
Vater: Deshalb hat die Politik etwas dagegen unternommen. Schon im letzten Jahrzehnt hat die Bundesregierung mehrfach die Rentenversicherung reformiert. So steigt nun das Rentenalter schrittweise auf 67 Jahre an. Und die Rente wird abgesenkt.


Einspruch! Renten dürfen laut Gesetz gar nicht sinken, selbst wenn der Durchschnittslohn fällt. Nicht mal in der Krise 2009 wurden die Renten gekürzt. Und weil die Löhne voraussichtlich auch künftig steigen, gibt es unterm Strich mehr Rente. Laut Rentenversicherungsbericht hat ein Standardrentner (mit 45 Jahren Beitragszahlung aus Durchschnittsverdienst) im Jahr 2030 ein Drittel mehr zu erwarten als heute.
 

Was tatsächlich zurückgeht, ist das sogenannte „Sicherungsniveau“. Es gibt an, wie viel Prozent vom Durchschnittsbrutto ein Standardrentner als Rente erhält. Wenn das leicht abnimmt, heißt das nur, dass die Renten etwas langsamer steigen als die Löhne. Hinter diesem Mechanismus steckt eine Absicht: Die Jungen sollen nicht durch zu hohe Beiträge überfordert werden, Ältere dennoch ihren Teil vom wachsenden Wohlstand abbekommen.


Tochter: Das finde ich fair. Die Rentner haben ein Leben lang dafür gearbeitet.
Vater: Man hört und liest jetzt aber immer wieder, dass die Altersarmut steigt. Wenn man als Rentner nach zig Jahren der Arbeit beim Einkaufen knausern muss, das stelle ich mir sehr hart vor.
Tochter: Unsereins macht sich dann schon Gedanken, ob die Rente im Alter reichen wird. Ich möchte ein Auskommen haben und davon vernünftig leben können.

 

Nur drei Prozent erhalten Grundsicherung

Fakt ist: Derzeit sind gerade mal drei Prozent der Rentner auf die sogenannte Grundsicherung vom Staat angewiesen; der Anteil ist nicht einmal halb so hoch wie bei Menschen im erwerbsfähigen Alter. Die Altersarmut steigt zwar, wird aber kein Massenphänomen. So prognostiziert der Wissenschaftliche Beirat des Bundeswirtschaftsministeriums für 2030 eine Quote von gut fünf Prozent. Eine aktuelle Studie der Bertelsmann-Stiftung rechnet mit einem Anstieg auf bis zu 7 Prozent nach 2030 – deutlich weniger als der heutige Anteil an der Bevölkerung (9 Prozent).

Vater: Deshalb will die Politik ja nun etwas gegen die Altersarmut unternehmen. Soviel ich weiß, soll das Sicherungsniveau stabilisiert werden. Überhaupt hat die Regierung in den letzten Jahren einiges für Ältere und Rentner getan.
Tochter: Was denn zum Beispiel?
Vater: Denk‘ nur an die Mütterrente, die erhöht wurde. Oder an die „Rente mit 63“, die es Beschäftigten ermöglicht, nach 45 Jahren Beitragszahlung ohne Abschläge in Rente zu gehen.
Tochter: Klingt gut. Der Staat tut was für Mütter und Leute, die lange gearbeitet haben. Und was heißt das für uns, die Jüngeren?

 

Interview zur Generationengerechtigkeit © DCDA

Berechtigte Frage. Schon die Mütterrente und die „Rente mit 63“ belasten die Rentenkasse bis 2030 mit zig Milliarden Euro. Nun will die SPD, um Altersarmut vorzubeugen, tatsächlich eine neue Untergrenze für das Sicherungsniveau vorschreiben. Aktuell liegt das Niveau bei 48 Prozent, unter 46 Prozent soll es bis 2045 nicht abschmelzen dürfen.
Das bringt allerdings zusätzliche Milliarden-Ausgaben für die Rentenversicherung, besonders in den 2030er-Jahren durch die geburtenstarken Jahrgänge (über 230 Milliarden Euro). Ökonomen raten daher, das Niveau nicht nach dem Gießkannenprinzip für alle anzuheben, sondern Bedürftige gezielt zu unterstützen. Und das aus Steuern zu finanzieren.


Tochter: Wir Jungen werden das also zahlen. Mit den derzeit 18,7 Prozent Beitragssatz ist das wohl nicht zu machen, vermute ich.
Vater: Bis zu 20 Prozent fände ich noch okay. Alles, was darüber hinausgeht, ist zu viel.

 

Zusätzliche Vorsorge nötig

Weil die Pläne die Lohnzusatzkosten hochtreiben, sehen die Arbeitgeber das ähnlich. Sie plädieren für eine dauerhafte gesetzliche Obergrenze von 22 Prozent für den Beitragssatz, damit sich die internationale Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen nicht verschlechtert. Beim angestrebten Mindestniveau würde der Satz aber dramatisch auf fast 26 Prozent ansteigen.


Was denken Sie, wann Sie in Rente können, Frau Breitbach?
Tochter: Da mache ich mir noch keine Gedanken drüber. Natürlich rechne ich damit, dass meine Generation länger arbeiten muss als die meines Vaters. Wichtiger ist mir zurzeit, dass ich mich bald in einem berufsbegleitenden Studium weiterbilden kann. Danach habe ich beruflich andere Möglichkeiten und kann höhere Beträge in die Rentenkasse einzahlen.

Experten halten Qualifizierung für das beste Mittel gegen Altersarmut. Und was die Diskussion um das Rentenalter („Regelaltersgrenze“) angeht – das steigt zunächst bis 2031 schrittweise auf 67 Jahre. Nun geht es um die Zeit danach. Ökonomen fordern, dass das Rentenalter dann weiter zunimmt, weil sich auch die Lebenserwartung erhöht. Auf jeden Fall ist es nötig, zusätzlich vorzusorgen. Denn mit der gesetzlichen Rente allein lässt sich der Lebensstandard nicht halten. Sagt selbst die Bundesregierung.


Tochter: Vielleicht stecke ich schon jetzt kleine Beträge in die Vorsorge.
Vater: Das solltest Du auf jeden Fall tun. Durch die Tarifförderung in der Chemie bekommst Du Zuschüsse vom Arbeitgeber.


Als Basisbetrag schießt der Arbeitgeber 613,55 Euro im Jahr zu. In einigen Unternehmen wird die Summe zudem um 550 Euro Demografiebetrag aufgestockt. Und auf jede 100 Euro vom Arbeitnehmer legt der Arbeitgeber noch mal 13 Euro drauf.


Tochter: Okay. Da kann ich mit wenig Eigenanteil schon einiges fürs Alter sparen.