Artikel veröffentlicht am  27.10.2017

Der Recycling-Hürdenlauf

Vom freieren Handel würden Firmen und Umwelt profitieren

Stroh zu Gold spinnen – diese Kunst ist das Erfolgsgeheimnis von Heraeus in Hanau: Der Technologiekonzern recycelt Industrie-Katalysatoren und gewinnt daraus kostbare Edelmetalle zurück. Allerdings lässt sich das komplizierte Verfahren nur am heimischen Standort durchführen. Deshalb muss das Material oft eine lange Reise zwischen Produktionsstätte und Recyclinganlage zurücklegen.

Die große Herausforderung dabei: unzählige bürokratische Hürden. „Einheitliche Vorgaben und Regeln über die jeweiligen Landesgrenzen hinaus würden den Handel enorm erleichtern“, sagt Karl Kunkel. Er ist im Unternehmen für Logistik und Abfallrecht zuständig. Vereinfachter Handel wiederum würde Heraeus – wie den meisten Firmen in Deutschland – das Geschäft erleichtern und damit mehr Arbeit, mehr Jobs und mehr Wohlstand für alle generieren.

 

„Protektionistische Bestrebungen sind ein Rückschlag“

Das 1851 gegründete Familienunternehmen mit 3.600 Mitarbeitern vor Ort (weltweit 12.400) ist Vorkämpfer in Sachen Freihandel. „Es besteht in der Wirtschaft große Einigkeit, dass die Globalisierung der Mehrheit der Menschen immense Vorteile bringt“, betonte Jürgen Heraeus, Chef des Aufsichtsrats der Heraeus Holding, jüngst im Handelsblatt. Er ist Vorsitzender der Business 20 (B20), der Interessenvertretung der Wirtschaft im G20-Prozess. Es sei ein „Rückschlag“, so Heraeus, dass nun wieder „protektionistische Bestrebungen“ aufkämen. „Es ist enttäuschend, dass ausgerechnet die US-Regierung bisher ein Bekenntnis zum Freihandel verhindert.“

Deutschland als rohstoffarmes Land ist auf Recycling angewiesen. Dieses Recycling, meist eine Kombination aus einem thermischen und einem nass-chemischen Verfahren, benötigt eigentlich nur wenige Wochen, maximal vier Monate. „Aber bis wir die Ware im Hause haben und das Recycling starten können, kann aufgrund der bürokratischen Regularien bis zu einem Jahr vergehen“, berichtet Kunkel. Der Grund: Die Güter, die ins Recycling gehen, sind in der Regel formal als Abfall eingestuft. „Wir sehen allerdings die gebrauchten Katalysatoren eher als Sekundärrohstoff“, erklärt Kunkel.

 

Freihandel-Heraeus_Karl-Kunkel-2_©Sandro

Aus Sekundärrohstoffen macht Karl Kunkel jede Woche kiloweise Edelmetalle.

Kompliziertes Regelwerk

Rund 5.000 Tonnen dieser Sekundärrohstoffe treffen pro Jahr im Unternehmen ein. Daraus generiert Heraeus jede Woche kiloweise Edelmetall wie Gold, Silber, Platin, Palladium, Rhodium und Ruthenium. Dass die Behörden das wertvolle Material jedoch als Abfall behandeln, führt zu Schwierigkeiten beim Transport. Besonders, wenn der Abfall grenzüberschreitend verbracht werden soll und als „gefährlich“ gilt. Etwa, wenn Katalysatoren Silberanteile enthalten: „Silber wird heute aufgrund von neuen Untersuchungen als wassergefährdend eingestuft“, so der Experte. Oder liegt der Flammpunkt bei einem verbrauchten Katalysator unter 60 Grad, wird er als „leicht entzündlich“ eingestuft und ist damit ebenfalls gefährlicher Abfall.

Gerade bei solchen Abfällen möchten die Behörden sicherstellen, dass sie ihr Ziel erreichen und nicht unterwegs illegal entsorgt werden. „Diese Haltung ist verständlich, wenn es etwa um alte Batterien geht“, sagt Kunkel. „Allerdings ist die Gefahr der illegalen Entsorgung bei unseren Materialien allein durch den Edelmetallgehalt nicht gegeben. Wir achten akribisch darauf, dass kein Gramm des verbrauchten Katalysators verloren geht.“


Darum hätte er für das Recycling von Edelmetallen gerne eine eigene Regelung, um den Handel zu erleichtern. Verständlich, schaut man sich das Prozedere einmal genauer an:


Rechtliche Grundlagen
Das „Kreislaufwirtschaftsgesetz“ sowie Verordnungen der Europäischen Union, der OECD und der Baseler Konvention sind zu beachten.
 

  1. Schritt
    Zunächst reicht der Kunde mit Hilfe von Heraeus seine Unterlagen bei der heimischen Behörde ein.
     
  2. Schritt
    Diese informiert nach eingehender Prüfung der Unterlagen die Behörde des empfangenden Landes und alle Länder, die beim Transport berührt werden.
     
  3. Schritt
    Geben die Ämter nach Wochen endlich grünes Licht, muss der Transport in jedem Land angemeldet werden. Ware und Transportrouten werden in den sogenannten Notifizierungsunterlagen genau beschrieben. Jede Abweichung ist verboten und erfordert eine neue Genehmigung.
     
  4. Schritt
    Ein Jahr lang gilt die Notifizierung, dann erlischt sie. Für alle folgenden identischen Transporte braucht es also stets eine neue Genehmigung.
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Heraeus ist Spezialist in der Aufbereitung von edelmetallhaltigen Materialien.

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Edelmetalle sind in der heutigen Industrie unersetzlich, sie finden sich in Halbleitern, elektronischen Bauteilen für die Automobilindustrie, in LEDs und OLEDs und in Photovoltaik-Anlagen.

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Neben ihren wichtigen Aufgaben in Endprodukten sind Edelmetalle auch aus Produktionsprozessen nicht wegzudenken, zum Beispiel als Katalysator in der chemischen oder petrochemischen Industrie.

Geschlossener Kreislauf schont Ressourcen

Kunkel träumt von länderübergreifenden Regelungen und dem Abbau von Hemmnissen, ohne dabei die Sicherheit zu gefährden. „Ich habe an den TTIP-Verhandlungen mitgearbeitet“, sagt er. „Wir waren so optimistisch, dass künftig alles leichter wird. Aber dafür sieht es nun aufgrund der weltpolitischen Lage schlecht aus.“

Auch für Aufsichtsratschef Heraeus steht fest: „Verantwortliches Wirtschaften erfordert heute global verbindliche Regeln. Die zunehmenden Tendenzen zur Abschottung einzelner Länder können weder für die Menschen noch für die Wirtschaft eine Zukunftsperspektive sein.“

Übrigens: Edelmetalle stecken nicht nur in Katalysatoren, sondern auch in Halbleitern, elektronischen Bauteilen für die Automobilindustrie, Photovoltaik-Anlagen, in LEDs, OLEDs und vielen anderen Produkten. Pro Jahr werden weltweit rund 20.000 Tonnen Silber, aber nur 2.400 Tonnen Gold und 200 Tonnen Platin gefördert. Ein geschlossener Edelmetallkreislauf schont also die Ressourcen und trägt zum Umweltschutz bei.

 

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