Artikel veröffentlicht am  01.09.2017

So gerecht ist Deutschland wirklich

Wenige Themen bewegen den Wahlkampf so wie die Debatte über soziale Gerechtigkeit. Wir haben ökonomische Daten analysiert um herauszufinden, wie gerecht Deutschland wirklich ist – und wie gerecht es in der Chemieindustrie zugeht.


Kaum eine Woche vergeht, ohne dass Politik und Medien darüber klagen, Deutschland sei ungerecht und die Schere zwischen Arm und Reich gehe weiter auf. Viele Menschen glauben das inzwischen auch: Bei Umfragen des Instituts für Demoskopie Allensbach äußerten zuletzt 57 Prozent der Bundesbürger die Einschätzung, es gehe „nicht gerecht“ zu im Land, beim ARD-Deutschlandtrend 44 Prozent und bei Forsa 40 Prozent.
 

Doch was ist dran an diesen Einschätzungen? Hat die Bundesrepublik das Modell der Sozialen Marktwirtschaft aufgegeben? „Das Gegenteil ist der Fall“, sagt der Ökonom Clemens Fuest, Chef des Münchner Ifo-Instituts. „Der Sozialstaat trägt entscheidend dazu bei, dass die Einkommensverteilung in Deutschland eine hohe Stabilität aufweist und sich zumindest in den vergangenen zehn Jahren nur wenig geändert hat.“
 

Auch die persönliche Stimmung bei den allermeisten Bundesbürgern ist deutlich besser, als die verbreitete Kritik an der Ungleichheit vermuten lässt. Das belegen Daten aus dem Sozio-oekonomischen Panel, einer jährlichen Wiederholungsbefragung bei 12.000 Haushalten im ganzen Land: Danach attestierten sich zuletzt (2015) knapp 55 Prozent der Deutschen eine „hohe Zufriedenheit“ mit ihrem Leben und 43 Prozent eine „mittlere Zufriedenheit“.

Mit vielen Fakten bestätigen Ökonomen dieses Bild. Sie messen zum Beispiel mit Kennzahlen, wie es um die Gerechtigkeit in ganzen Ländern bestellt ist. Etwa mit dem Gerechtigkeitsmonitor, den Wissenschaftler des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW) regelmäßig für 28 wichtige Industrieländer errechnen. Ergebnis: „Deutschland hat sich zwischen 2010 und 2014 vom zehnten auf den siebten Rang verbessert“, berichtet IW-Ökonom Dominik Enste. „Und die Bundesrepublik belegt als einziges großes Industrieland einen Platz unter den Top Ten.“ Vor Großbritannien, Frankreich, Kanada und den USA. Auf den vordersten vier Plätzen finden sich die skandinavischen Staaten, am Ende südeuropäische Länder.

Um das zu ermitteln, werten die Wissenschaftler viele tausend Einzeldaten aus und fassen sie in einem Indexwert zusammen. Darin fließen zum Beispiel Zahlen zu den staatlichen Gesundheitsausgaben ein, zu Altersarmut, Sozialleistungen für Familien, Lehrer-Schüler-Verhältnis, Arbeitslosigkeit und Beschäftigung von Frauen.

Ähnlich umfassend wie die Kölner Ökonomen bewerten übrigens Wissenschaftler der Bertelsmann Stiftung Länder in ihrem Gerechtigkeitsindex, in diesem Fall die 28 EU-Staaten. Auch dort rangiert Deutschland aktuell an siebter Stelle (2016).

Doch was heißt das für die Verteilung der Einkommen hierzulande? Auch dafür haben Ökonomen eine spezielle Kennziffer, den Gini-Koeffizienten (benannt nach dem italienischen Statistiker Corrado Gini). Berechnet wird er mit einer komplizierten Formel, heraus kommen Werte zwischen Null und Eins. Beim Wert Eins würde ein Mensch alles verdienen, beim Wert Null alle Menschen gleich viel. Je kleiner also der Gini-Koeffizient, desto geringer die Lohnunterschiede in einem Staat.

Für Deutschland lag der Gini-Index in den vergangenen zehn Jahren (nach Steuern und Sozialleistungen) ziemlich stabil bei 0,28 bis 0,29. Damit weist Deutschland unter den großen Industrienationen (G7) heute die geringste Ungleichheit auf. Nur die skandinavischen Länder haben niedrigere Werte.

Fakt ist aber auch: „Von den 1990er-Jahren bis 2005 hat die Ungleichheit bei den Einkommen zugenommen“, weiß Ökonomin Judith Niehues vom IW. Ursache war die steigende Arbeitslosigkeit. „Seit 2005 aber ist die Verteilung stabil. Die Ungleichheit wächst also nicht weiter.“ Zuletzt verbuchten Geringverdiener sogar überdurchschnittliche Lohnzuwächse.
 

Ein ähnliches Bild ergibt sich für die Mittelschicht, von der es vielfach heißt, sie schrumpfe. Tatsächlich aber ist sie seit 2005 recht stabil. Das belegt das Sozio-oekonomische Panel. „2014 gehörten fast 48 Prozent der Bundesbürger zur Einkommensmitte und jeweils weitere 16 Prozent zur oberen und unteren Mittelschicht“, erklärt IW-Expertin Niehues: „Von einer auseinander driftenden Gesellschaft kann nicht die Rede sein.“

Etwas abgenommen hat die Mittelschicht zuletzt durch die Zuwanderer, die in der Regel mit geringen Löhnen ins Arbeitsleben starten. Zur Mitte im engeren Sinn zählt die Ökonomin dabei alle Menschen, die 80 bis 150 Prozent des mittleren Nettoeinkommens verdienen.
 

Stabile Mittelschicht und Einkommensverteilung – dazu trägt auch deutsche Jobwunder bei. Seit über zehn Jahren steigt die Erwerbstätigkeit kontinuierlich. Weil deutsche Produkte auf dem Weltmarkt so gefragt sind, waren 2016 78 Prozent der 20- bis 64-Jährigen berufstätig, durchschnittlich 43,6 Millionen Menschen hatten hierzulande Arbeit – ein Rekord. Ende September 2016 zählten die Statistiker 32 Millionen sozialversicherungspflichtig Beschäftigte – auch das ein Rekord.

Trotzdem gibt es Zweifel: Entstehen da nicht vorwiegend prekäre, atypische Stellen? Also befristete Jobs, Teilzeitarbeitsplätze unter 20 Wochenstunden, Minijobs und Zeitarbeit? Fakt ist, dass es laut Statistischem Bundesamt 2016 genauso viel atypisch Beschäftigte gab wie 2006. Im selben Zeitraum entstanden jedoch 1,6 Millionen sozialversicherungspflichtige Vollzeitstellen.
 

Zugleich sind die Löhne in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. In der chemischen Industrie zum Beispiel nahmen sie binnen zehn Jahren um gut ein Viertel zu. Im Schnitt kommen Chemiebeschäftigte heute auf 66.000 Euro Jahresverdienst – das sind fast 24 Prozent mehr, als Mitarbeiter des gesamten verarbeitenden Gewerbes durchschnittlich erhalten. Und die 580.000 Beschäftigten der chemischen Industrie haben heute real, also wenn man die Preissteigerung abzieht, einiges mehr an Geld im Portemonnaie als noch 2007.

Auf diese Weise bekommen sie ihren Teil vom Erfolg der Branche ab. Für die Chemieunternehmen hat das aber auch einen Haken: Ihre Wettbewerber in den meisten EU-Ländern sowie den USA und Japan können mit zum Teil deutlich niedrigeren Kosten kalkulieren. Dagegen müssen sich die deutschen Betriebe mit hohen Arbeitskosten durchsetzen. Das ist die Kehrseite des Wohlstands.
 

Auf diese Weise profitieren sie vom Erfolg der Branche insgesamt. Für die Chemieunter­nehmen hat das aber auch einen Haken: Ihre Wettbewerber in den meisten EU-Ländern sowie den USA und Japan können mit zum Teil deutlich niedrigeren Kosten kalkulieren. Dagegen müssen sich die deutschen Betriebe mit hohen Arbeitskosten durchsetzen. Das ist die Kehrseite des Wohlstands.

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