Artikel veröffentlicht am  05.10.2017

„Jeder hat eine andere Perspektive“

Wie die Chemie von Vielfalt profitiert

Krankheiten sind die Geißeln der Menschheit. Beim Gesundheitsunternehmen Roche suchen Wissenschaftler am Standort Penzberg nach immer neuen Wirkstoffen für Medikamente oder noch effektiveren Tests zur Früherkennung. So auch Shan-Hua Chung aus Taiwan: Die Biologin gehört zu dem internationalen Team aus 50 Nationen in einem der größten Biotechnologiezentren Europas.


Seit zwei Jahren entwickelt die Wissenschaftlerin Zelllinien, die Antikörper produzieren. Diese kleinen Wunderwaffen schützen von Natur aus unseren Körper, stecken aber auch in Medikamenten oder Diagnostika. „Wir sind ein sehr internationales Team“, erzählt die 32-Jährige. „Meine Vorgesetzte ist Griechin, meine Kollegen haben deutsche und französische Wurzeln. Und die Eltern der studentischen Hilfskräfte kommen aus Vietnam und dem Iran.“ Diese Mischung empfindet sie als große Stärke: „Wir sehen die Dinge ganz unterschiedlich“, sagt Chung. „Jeder hat eine andere Perspektive. So kommen wir auf immer neue Ideen.“

 

Roche-Biologin Shan-Hua Chung aus Taiwan

Shan-Hua Chung aus Taiwan forscht bei Roche in einem internationalen Team aus 50 Nationen an Zelllinien.

Innovation lebt von guten Ideen

Weltoffenes Handeln und Denken steht bei Roche im Vordergrund. Denn Innovation in Forschung, Entwicklung und Produktion lebt von guten Ideen: „Ich bin fest davon überzeugt, dass es vor allem Vielfalt im Denken braucht, um die Innovationsfähigkeit zu fördern“, betont Konzernchef Severin Schwan. „Wenn man diese Vielfalt im Denken will, ist es hilfreich, Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen und kulturellen Prägungen zusammen zu bringen.“
 

Deshalb sucht man in Penzberg die Mitarbeiter nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa oder auch weltweit. Wer sich aus dem Ausland auf den Weg nach Bayern macht, erhält Hilfe beim Umzug, dem Umgang mit Behörden und der Wohnungssuche.

Doch nicht nur hier ist die interkulturelle Vielfalt angekommen. Mehr als die Hälfte  aller Betriebe in Deutschland beschäftigt aktuell Mitarbeiter mit Migrationsgeschichte, das zeigt das Personalpanel des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW). Bei den Großunternehmen sind es mit 92 Prozent nahezu alle. In den mittleren Firmen liegt der Anteil bei 81 und in den kleinen Betrieben bei 55 Prozent. „Die Unternehmen haben erkannt, dass sie auf der Suche nach Fachkräften auf Migranten angewiesen sind“, sagt IW-Wissenschaftler Wido Geis. So sehen es auch der Bundesarbeitgeberverband Chemie (BAVC) und die Chemie-Gewerkschaft (IG BCE): Bereits 2008 schlossen die Sozialpartner die Vereinbarung „Vielfalt nutzen – Chancengleichheit verwirklichen“. Und betonen, Migranten seien „ein elementarer Teil der Gesellschaft und der Arbeitswelt.“

 

 

Globale Netzwerke entstehen

So freut man sich in Penzberg auch über Dorthe Hoeg. Die Biologin aus Dänemark stellt Enzyme für diagnostische Tests her. Als Teamleiterin ist sie für 28 verschiedene Produkte verantwortlich. Denen begegnet man zum Beispiel bei einer Blutuntersuchung, wenn beim Verdacht auf Nierenschäden der Kreatinin-Wert im Blut gemessen wird. Hoeg: „Dazu braucht man sechs Enzyme, fünf davon stellen wir vor Ort her.“ In ihrer Gruppe arbeiten acht  Männer und Frauen, darunter ein Pole und ein Puerto Ricaner. Sie selbst hat 21 Jahre in den USA gelebt und die letzten acht Jahre dort für Roche gearbeitet. „Jedes Gehirn ist anders gestrickt“, sagt die 53-Jährige, „das empfinde ich als große Bereicherung.“ Das Unternehmen sieht das ebenso – und schätzt neben der wissenschaftlichen Expertise ihre große Erfahrung im Umgang mit amerikanischen Behörden, wenn es um die Vermarktung der eigenen Produkte in den USA geht. Gerade für eine globale Organisation wie Roche ist es wichtig, dass Mitarbeitende auch innerhalb des Konzerns weltweit die Standorte wechseln und somit globale Netzwerke entstehen.

Dorthe Hoeg blickt gerne über den Tellerrand

Nach 21 Jahren in den USA sieht Roche-Wissenschaftlerin Dorthe Hoeg die Vielfalt in ihrem Team als große Bereicherung.

Frischer Wind durch Vielfalt

Chung und Hoeg fühlen sich wohl in Deutschland. Klar sehen sie die Unterschiede zu ihrer Heimat – was mal gut und mal weniger vorteilhaft ist. „Das Wetter und das Essen sind in Taiwan besser“, findet Chung. In Sachen Arbeit aber punktet Roche: „In Taiwan sind alle sehr auf die Arbeit fokussiert, da zählen nur Geld und Karriere.“ Man müsse rund um die Uhr per Mail oder WhatsApp erreichbar sein. „Das ist hart, Überstunden abfeiern gibt es dort nicht.“ In Deutschland achte man eher auf die Work-Life-Balance: „Deshalb ist hier auch alles viel effizienter“, sagt die junge Frau. „Man will in der Firma etwas voranbringen und dann nach Hause gehen.“ Schwer tut sie sich mit der „Beamtenmentalität“ der Deutschen: „Viele sagen, das haben wir schon immer so gemacht. Und möchten nichts ändern.“ In Taiwan seien neue Ideen willkommen: „Das bringt frischen Wind in die Sache.“

Hoeg empfindet das ähnlich: „Viele sehen nur ganz direkt ihre Arbeit und schauen nicht über den Tellerrand. Dabei schätzt man bei Roche genau das.“

 

Internationalität ist Alltag

Fakt ist: In Chemie- und Biotechnologieunternehmen, insbesondere im exportorientierten Mittelstand und bei den meisten Großunternehmen, sind Internationalität und Vielfalt längst alltägliche Praxis. So arbeiten zum Beispiel im Bayer-Konzern mit Sitz in Leverkusen weltweit Menschen aus 144 Nationen. Und beim Mittelständler Polycasa in Mainz kommt fast die Hälfte der 125 Beschäftigten aus Ländern wie der Türkei, Griechenland, Italien oder Albanien.

Wie man von dem größeren Talentpool und der steigenden Problemlösungs- und Innovationskraft profitiert, das weiß man auch bei der BASF in Ludwigshafen. Unter dem Motto „One Team – one Dream“ hat der Konzern eine globale Mannschaft mit Fachleuten aus Asien, Deutschland und den USA zusammengestellt. Das Team optimierte den Betrieb der Produktionsanlagen in Nanjing (Ostchina) und Kuantan (Malaysia). Und spart dem Unternehmen seither viele Millionen Euro an Betriebskosten. Dafür gab es übrigens den ersten „Deutschen Diversity Preis.“