Video veröffentlicht am  03.09.2018

Chemie-Tarifrunde: Interview mit Georg Müller

Zum Auftakt der bundesweiten Chemie-Tarifverhandlungen erläutert Georg Müller, Verhandlungsführer der Chemie-Arbeitgeber, warum die Arbeitgeber die Forderung der IG BCE ablehnen. In unserem exklusiven Video-Interview spricht Georg Müller zudem über die Modernisierung der Arbeitsbedingungen und einen Tarifabschluss, der gut für die Branche ist.

Herr Müller, die IG BCE stellt ihre Forderungen unter das Motto „Wie Du es wert bist“. Mangelt es an Wertschätzung in der Chemie?

Absolut nicht. Ich kann sogar sagen, das Gegenteil ist der Fall. Wir haben einen Tarifvertrag, der ein durchschnittliches Tarifentgelt von 59.000 Euro regelt. Das ist Spitze in Deutschland. Wenn wir uns anschauen, dass Altersvorsorge da geregelt ist; wenn wir uns anschauen, dass Demografie dort für die Tarifmitarbeiter geregelt ist, dann ist das ein tolles Ergebnis, was die Tarifvertragsparteien da erreicht haben. Aber das ist nur die eine Seite, was die Firmen auf der anderen Seite tun, ist ebenfalls sehr, sehr, sehr stark. Hier wird viel in die Entwicklung von Arbeitsbedingungen und Arbeitssicherheit investiert. Hier wird investiert in Weiterbildungen oder aber auch in flexible Arbeitszeitmodelle oder in die Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Warum lehnen Sie die Forderung der IG BCE nach 6 Prozent mehr Geld ab?

Zunächst müssen wir mal sagen: Die IG BCE fordert nicht sechs Prozent, sondern die fordert sieben Prozent Tariferhöhung. Einerseits haben wir die sechs Prozent Tarifentgelterhöhung, die sie fordern, aber sie fordern auch eine Verdopplung des Urlaubsgeldes. Und das macht in Summe ein Prozent aus. Hier müssen aufpassen, denn wir feiern keine Konjunktur, nur weil 2017 ein gutes Jahr war. Sondern wir müssen eine nachhaltige Entgeltentwicklung im Tarif regeln und der Tarif muss am Ende von allen Firmen in der Fläche tragbar sein. Hier müssen wir Augenmaß bewahren, hier müssen für Bodenhaftung behalten und hier dürfen wir nicht abheben.  

Ist das nicht Schwarzmalerei?

Ich glaube, wenn wir Schwarzmalen wollen, dann sieht das ganz, ganz anders aus. Der Branche geht es gut, das möchte ich auch überhaupt nicht verheimlichen. Aber das soll bitte auch so bleiben. 2017 war ein sehr erfolgreiches Jahr, aber 2017 ist mit dem vergangenen Tarifabschluss schon bezahlt und abgeschlossen. Wir reden jetzt über einen Tarifabschluss, der in die Zukunft weist. Und da müssen wir die Bodenhaftung bewahren und wir müssen respektieren und sehen, dass es klare Signale gibt, dass die Unsicherheit wächst. Sie brauchen ja nur in die Zeitung zu schauen oder sich die Nachrichten anzuschauen. Jeden Tag sehen Sie Themen wie Brexit, Konflikt Amerika China, Sanktionen, Strafzölle, Protektionismus. Alle diese Stichworte zeigen doch eins auf: Es gibt zunehmende Unsicherheiten, weil wir in der Chemie von all diesen Punkten betroffen sind.

Die IG BCE fordert auch eine Modernisierung der Arbeitsbedingungen. Wie ist die Meinung der Arbeitgeber dazu?

Es ist für uns eine wichtige Herausforderung, dass wir die zukünftigen Arbeitsbedingungen und die zukünftige Arbeitswelt gestalten. Wir haben große Trends, die einen direkten Einfluss auf unsere Arbeitswelt haben, wie zum Beispiel die Digitalisierung oder aber auch die neuen Möglichkeiten, mobil arbeiten zu können. Das sind alles Themen, die einen Einfluss darauf haben, wie wir Arbeit zukunftsorientiert gestalten. Mehr Flexibilität bedeutet hier: Vorteile für die Arbeitnehmer. Mehr Flexibilität bedeutet aber auch: Vorteile für die Arbeitgeber. Und eine Tarifverhandlung ist dafür genau der geeignete Raum, dass man über solche Themen spricht. Denn hier können wir Zukunft gestalten.

Was bedeutet das konkret? Zum Beispiel die Wahloption mehr Geld oder mehr freie Tage?

Die IG BCE hat die Option mehr Geld oder mehr freie Tage jetzt ins Spiel gebracht und hat das damit begründet, dass es eine größere Zeitsouveränität für die Mitarbeiter gibt. Zeitsouveränität ist ein Trend und ist ein wichtiges Thema, mit dem wir uns auch auseinandersetzen müssen. Diesen Trend werden wir auch in der Zukunft sicherlich mit entsprechenden Regelungen berücksichtigen müssen. Aber eins ist ganz klar: Die Firmen brauchen notwendige Zeit und notwendige Kapazität, um ihren Job machen zu können. Und da darf man Zeitsouveränität nicht falsch übersetzen, nämlich, indem man es vielleicht übersetzen möchte mit weniger arbeiten müssen. Das ist überhaupt nicht der Punkt, über den wir sprechen. Wir reden über Flexibilität mit Vorteilen für Arbeitnehmer und Vorteilen für Arbeitgeber. Aber wir reden ganz klar darüber, dass wir in den Firmen notwendige Volumina brauchen und Kapazitäten brauchen, damit der Job wirklich gemacht werden kann. Mehr Flexibilität: Ja! Mehr individuelle Ausrichtung von Arbeitszeit: Ja! Aber eben auch notwendige Kapazitäten sichern, damit Firmen das tun können, was sie tun müssen: Nämlich in hoher Qualität und Zuverlässigkeit zu arbeiten.

Die Verhandlungen auf regionaler Ebene waren erfolglos, warum sollte es jetzt auf Bundesebene vorangehen?

Die regionalen Runden waren sehr wichtig, denn sie haben gezeigt, welche Argumente und Positionierungen die Arbeitgeberseite hat, das haben wir sehr deutlich gemacht. Sie hat aber auch gezeigt, welche Argumente die Gewerkschaft hat. Das ist jetzt die Basis, auf der wir auf Bundesebene jetzt zusammenkommen und wo wir auf Bundesebene jetzt ein Ergebnis erzielen müssen. Hier heißt es jetzt, in Bewegung zu kommen und aufeinander zuzugehen. Hier braucht es einen Kompromiss und es wird nicht einfach sein, so einen Kompromiss zu finden, aber hier sind beide Seiten gefordert, hier aufeinander zuzugehen und daran intensiv zu arbeiten. Und ich persönlich bin sehr zuversichtlich, dass wir auch in diesem Jahr wieder einen Tarifabschluss erreichen können, der gut für die Branche ist.

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