Grafik veröffentlicht am  14.06.2018

Chemie-Tarifrunde: Konjunkturcheck

In der Chemie-Tarifrunde 2018 geht es um höhere Löhne, aber wie ist die wirtschaftliche Lage der Unternehmen? Und wie viel wäre überhaupt zu verteilen? Die Chemiebranche im „Konjunkturcheck“ – in unserer Grafikstrecke analysieren wir die Wirtschaftsfakten zur Chemie-Tarifrunde.

Die Lohnstückkosten in der Chemie sind allen anderen Kennzahlen in den vergangenen Jahren davongelaufen: Seit 2007 sind sie um mehr als 20 Prozent gestiegen. Deutlich schwerer fällt es den Unternehmen, auch ihre Einnahmen so zu steigern, dass sie die Kosten kompensieren können. Beim Umsatz haben die Unternehmen seit 2007 um 14 Prozent zugelegt, bei der Produktion sogar nur um 7 Prozent. Zugleich erlaubten die Marktbedingungen 2017 um lediglich 4 Prozent höhere Preise gegenüber 2010. Der Wachstumsschub ab Mitte 2017 kann also nicht darüber hinwegtäuschen, dass die wirtschaftliche Dynamik in der Chemie über einen längeren Zeitraum verhalten ist. 

So erfreulich die Produktionssteigerungen in der Chemie- und Pharmaindustrie sind – andere Branchen des Verarbeitenden Gewerbes haben in den vergangenen Jahren deutlich stärker zugelegt, gerade in der Metall- und Elektroindustrie. So verzeichnete der Fahrzeugbau zwischen dem ersten Quartal 2010 und dem ersten Quartal 2018 ein fast dreimal so hohes Produktionsplus von 45 Prozent. Bei Chemie und Pharma kommt hinzu, dass ein Großteil der Zuwächse durch die Dynamik seit Mitte 2017 entstanden ist – eine Entwicklung, die angesichts der politischen und konjunkturellen Unsicherheiten kaum anhalten dürfte.

Die gute Nachricht ist: Die Chemiebranche investiert. Weiterhin auf hohem Niveau in Deutschland – aber seit einigen Jahren deutlich stärker im Ausland. 2017 haben deutsche Chemie- und Pharmaunternehmen außerhalb Deutschlands nach Schätzungen rund 8,35 Mrd. Euro investiert – ein Spitzenwert, der nur wenig unter dem bisherigen Höchstwert von 2015 liegt. Erstmals 2011 haben die Auslands- die Inlandsinvestitionen überstiegen, vor allem eine Folge der Verschiebung der Absatzmärkte. Um wie viel dynamischer etwa China wächst, zeigt ein Wert: Dort haben die Anlageinvestitionen der Chemie- und Pharmaindustrie zwischen 2010 und 2016 um durchschnittlich 12,4 Prozent pro Jahr zugelegt. In Deutschland waren es nur 3,5 Prozent.

Die Beschäftigten in der Chemie- und Pharmaindustrie gehören schon heute zu den Topverdienern des Verarbeitenden Gewerbes: Im Durchschnitt kam ein Vollzeitbeschäftigter hier 2017 auf 67.408 Euro Bruttolohn, betrachtet man nur die Tarifbeschäftigten, waren es immer noch über 59.000 Euro. Nur in der Automobilindustrie war die Bezahlung noch geringfügig besser. Das hohe Entgeltniveau spiegelt die hohe Qualifikation der Mitarbeiter in Chemie- und Pharmabranche und zeigt die Wertschätzung der Unternehmen für die Beschäftigten. Es verlangt aber auch Augenmaß in der Tarifpolitik. Denn weiter steigende Lohnkosten sind für die Unternehmen nur tragbar, wenn die wirtschaftliche Entwicklung absehbar gut bleibt.

Das hohe Entgeltniveau schlägt sich auch in den sehr hohen Arbeitskosten nieder, die Chemie- und Pharmaunternehmen in Deutschland tragen müssen. Die Stunde Arbeit kostete 2016 hierzulande 54 Euro. Nur in Belgien waren die Arbeitskosten mit 58 Euro noch höher. Europäische Wettbewerber wie Italien und Spanien sind nur etwa halb so teuer. Und auch gegenüber außereuropäischen Ländern wie den USA und Japan hat die Chemie- und Pharmabranche in Deutschland in Sachen Kosten einen echten Wettbewerbsnachteil.

„Wie viel gibt es eigentlich zu verteilen“, ist eine häufige Frage in Tarifverhandlungen. Die Wirtschaftswissenschaft beantwortet das so: Der sogenannte Verteilungsspielraum ergibt sich aus der steigenden Produktivität der Unternehmen sowie der Inflation, also den Preissteigerungen für zum Beispiel Lebensmittel und Strom. Gibt es Lohnerhöhungen, die höchstens so hoch sind wie beide Werte zusammen, hat das keine negativen Effekte auf die Arbeitsplätze. Sollen mehr Arbeitsplätze entstehen, müssten die Lohnsteigerungen hingegen niedriger ausfallen. Tatsächlich übersteigen die Entgelterhöhungen bei Chemie und Pharma den Verteilungsspielraum aber seit Jahren. Dank der insgesamt guten wirtschaftlichen Lage in Deutschland noch, ohne dass dies negativen Einfluss auf die Stellen in der Branche hat. Eine fortgesetzte überzogene Lohnentwicklung wird den guten Beschäftigungstrend aber ausbremsen – vor allem wenn die gesamtwirtschaftliche Dynamik schwindet.

In der Chemie- und Pharmaindustrie haben seit 2012 knapp 18.000 zusätzliche Beschäftigte einen Job gefunden. Diesen Trend sollte die Tarifpolitik unterstützen. Zwar zeigt die Entwicklung, dass selbst in den Jahren mehr Mitarbeiter eingestellt wurden, in denen die Tarifentgelte stärker stiegen als Produktivität und Verbraucherpreise zusammengenommen. Doch am größten ist der Jobaufbau immer dann ausgefallen, wenn sich die Tarifentgelte – wie 2013/14 und 2016/17 – weitgehend ähnlich entwickelt haben wie der Verteilungsspielraum. Damit die Unternehmen auch weiterhin mehr Mitarbeiter einstellen können, darf dieser Spielraum nicht ausgereizt oder gar überreizt werden, indem sich die Lohnentwicklung von der Produktivität entkoppelt.

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