Artikel veröffentlicht am  14.06.2018

Chemie-Konjunktur

Schutzzölle, Brexit und steigende Ölpreise – eine zukunftsfähige Tarifpolitik muss sich an den aktuellen wirtschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen orientieren. Das sind die fünf größten Risiken und Herausforderungen für die Chemiebranche.

Politische-Risiken©AdobeStock

Die deutsche Wirtschaft war 2017 auf Wachstumskurs. Die Konjunktur wurde sowohl vom Außenhandel als auch vom privaten Konsum getragen. 2018 scheint schwieriger zu werden. Die Rahmenbedingungen waren weltweit lange nicht mehr so unsicher wie heute. Das trübt bereits die Stimmung in den Chefetagen und senkt die Wachstumsprognosen der Experten. Denn diese Risiken können die exportabhängige deutsche Wirtschaft empfindlich treffen – und damit auch die Chemie-Industrie.

1. Schutzzölle

Für Deutschlands Chemieunternehmen sind die USA der wichtigste Markt: Dort verkaufen sie jährlich Waren im Wert von 20 Milliarden Euro. Der von US-Präsident Donald Trump angeheizte Handelskonflikt könnte das ändern. Auf den ersten Blick dürften die Zölle auf Stahl und Aluminium aus europäischer Herstellung der Chemieindustrie keine Sorgen bereiten. Allerdings sieht der Branchenverband VCI damit den ersten Schritt in schwerwiegendere Auseinandersetzungen getan. Die EU hat schon reagiert und will Jeans, Whiskey und Motorräder „Made in the USA" künstlich verteuern. Ob Trump dadurch an den Verhandlungstisch zu zwingen ist oder ob er den Konflikt weiter verschärft und Strafzölle etwa auf deutsche Autos verhängt, ist derzeit ungewiss. Die Autohersteller allerdings sind wichtige Kunden der Chemieunternehmen: Von ihnen beziehen sie Katalysatoren, Lacke, Kunst- und Schaumstoffe und vieles mehr.

2. Teurer Euro

War 1 Euro Anfang 2017 noch 1,05 Dollar wert, so lag der Kurs im Frühjahr 2018 schon bei knapp 1,25 Dollar. Je stärker der Euro aber wird, desto schwieriger wird es für deutsche Exporteure in die USA und andere Länder, mit denen in Dollar abgerechnet wird. Die Unternehmen stehen vor einem Dilemma: Entweder erhöhen sie die Preise, damit sie in Euro gerechnet ihren Umsatz halten können – dadurch werden ihre Produkte aber weniger wettbewerbsfähig. Oder sie lassen die Preise unverändert – und nehmen dafür sinkenden Umsatz und Gewinn bei gleicher Exportmenge in Kauf. Betroffen sind aber nicht nur die exportierenden Unternehmen. Auch die, die hauptsächlich im Inland verkaufen, leiden unter dem starken Euro: Die Hersteller aus anderen Währungsräumen können ihre Produkte billiger und somit wettbewerbsfähiger anbieten, ohne Umsatz einzubüßen.

3. Politische Unsicherheit

Die neue italienische Regierung liebäugelt mit einem Austritt aus der Eurozone. Es ist immer noch unklar, zu welchen Bedingungen Großbritannien die EU verlassen will und welche Folgen das hätte. Die USA haben überraschend das Atomabkommen mit dem Iran aufgekündigt und drohen Unternehmen, die sich in dem Land engagieren, Sanktionen an. Das sind nur einige aktuelle Beispiele, die Exporteure und Investoren verunsichern. Weiteren Zündstoff bergen die Konflikte in Nordkorea und Syrien. Ein schwer kalkulierbares Risiko sind auch mögliche Auswirkungen der wachsenden privaten und staatlichen Verschuldung in China. Das Land ist ein bedeutender Handelspartner Deutschlands und käme es zu einer Finanz- oder Wirtschaftskrise, träfe das auch die Chemieindustrie.

4. Steigende Ölpreise

Kostete das Rohöl im Januar 2017 noch 45 US-Dollar pro Barrel, so waren es im Mai 2018 schon 80 US-Dollar. Das drückt auf die Gewinnmargen gerade der Chemie- und Pharmabranche, die ihren wichtigsten Rohstoff immer teurer einkaufen muss. Die Unternehmen sind unterschiedlich stark davon betroffen, je nachdem, wo sie sich in der Lieferkette befinden und ob sie in der Lage sind, die Preiserhöhungen an ihre Kunden weiterzugeben. Betriebe, die in den Ölförderländern im Nahen und Mittleren Osten direkt „am Bohrloch“ sitzen, haben beim Öl und den daraus gewonnenen Stoffen wachsende Kostenvorteile. US-Produzenten könnten wiederum von der Schiefergas-Förderung profitieren: Je günstiger es auch im Vergleich zum Ölpreis wird, dieses Gas im hierzulande umstrittenen Fracking-Verfahren zu gewinnen, desto wettbewerbsfähiger können US-Unternehmen produzieren. Solche Möglichkeiten gibt es im rohstoffarmen Deutschland nicht.

5. Zinswende

Weltweit beobachtet der Internationale Währungsfonds (IWF) steigende Zinsen. Auslöser war, dass die amerikanische Notenbank Fed eine Wende eingeleitet und erstmals seit Jahren den Leitzins angehoben hat. Dem könnten sich viele große Wirtschaftsnationen und -räume anschließen. Das ist gut für Sparer, die höhere Zinsen für ihr Geld bekämen. Doch in Deutschland würde es die öffentlichen Haushalte von Bund, Ländern und Kommunen belasten. Müssten sie für ihre Schulden höhere Zinsen zahlen, bliebe ihnen weniger Geld, um politisch auf Krisen zu reagieren. Auch neue Bankenpleiten sind nicht ausgeschlossen: Die niedrigen Zinsen haben Investitionen in Immobilien und Aktien befeuert. Diese Spekulationsblasen könnten bei steigenden Zinsen platzen, etwa wenn Immobilienkredite nicht mehr bedient würden. Das würde Banken belasten – und der auch von der regen Bautätigkeit angeschobenen deutschen Wirtschaft insgesamt schaden.

 

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