Interview veröffentlicht am  28.02.2018

„Wir brauchen diese kollektive Intelligenz“

Interview Andreas Ogrinz©IWMedien

Was tun Arbeitgeberverbände und Gewerkschaft, um die künftige Arbeitswelt in der Chemie zu gestalten? Darüber haben wir mir Dr. Andreas Ogrinz gesprochen, Geschäftsführer Bildung, Innovation und Nachhaltigkeit beim BAVC, dem Bundesarbeitgeberverband Chemie.

Herr Dr. Ogrinz, der BAVC führt mit der Gewerkschaft IG BCE den Dialog WORK@industry 4.0 zur Gestaltung der Arbeitswelt von morgen. Was ist Ihr Verständnis dieses Arbeitens 4.0?
Andreas Ogrinz: Die Chemie ist ja eine Dialogbranche. Wenn sich neue Themen stellen, wenn wir neue Trends identifizieren, ob demografischer Wandel oder Digitalisierung, versuchen wir möglichst früh, ein gemeinsames Verständnis zu entwickeln. Uns geht es nicht um Regulierung. Erstmal definieren wir ein Thema, reflektieren es und leiten daraus dann Handlungsempfehlungen ab – für uns als Branche oder für die Politik.

Was die Begrifflichkeit angeht: Nach meiner Erfahrung kann man so etwas nur im Prozess definieren. Wir Sozialpartner haben es so gemacht, dass wir Themenbereiche definiert haben, die auf jeden Fall dazugehören: Aus- und Weiterbildung 4.0, gutes und gesundes Arbeiten 4.0, zeit- und ortsflexibles Arbeiten 4.0 sowie Führung und Organisation 4.0. Darüber schaffen wir ein Grundverständnis, was Arbeiten 4.0 ausmacht. Stand heute wohlgemerkt! Mir fallen schon jetzt mehrere Themen ein, die dort bald mitbedacht und -bearbeitet werden müssten.

Nämlich?
Ogrinz: Der Beschäftigtendatenschutz zum Beispiel mit der Angst vor dem gläsernen Menschen. Datentransparenz ist eine Urangst, aber auch eine Urnotwendigkeit der Digitalisierung: Viele Geschäftsmodelle und -prozesse basieren auf Daten als Rohstoff der digitalen Ökonomie. Ein weiteres Thema wird Mitbestimmung werden: Die müssen wir technologisch weiterdenken. Prozesse, die bislang von Menschen gemacht wurden, werden künftig automatisiert gesteuert werden können. Für den mitbestimmungswilligen Betriebsrat stellt sich hier die Frage, wie er diese Mitsprache behalten kann, wenn betriebliche Prozesse hauptsächlich über Algorithmen gesteuert werden. Denkbar ist, dass das Prinzip der Mitbestimmung schon in die Entwicklung von Algorithmen einfließt.

Die Sozialpartnerschaft in der Chemie ist ja traditionell sehr eng. Was erhoffen Sie sich im aktuellen Fall von der engen Zusammenarbeit?
Ogrinz: Die Welt ist in den vergangenen Jahren immer komplexer und schneller geworden. Da ist es für mich nur logisch, dass wir Arbeitgeber in den Dialog mit jenen treten, die sich, von einer anderen Seite, mit denselben Themen beschäftigen – den Arbeitnehmern! Je komplexer die Welt wird, desto mehr kollektive Intelligenz brauchen wir. Geht es um die Gestaltung der Arbeitswelt, müssen wir so schnell wie möglich mit dem Sozialpartner reden, ein gemeinsames Verständnis schaffen – und bestenfalls gemeinsame Instrumente. Tarifverträge, Sozialpartnervereinbarungen, Handlungsempfehlungen, Leitlinien. Es wäre schlicht dumm, wenn wir versuchten, es alleine zu machen. Diese Demut brauchen wir: festzustellen, dass einer alleine es nicht überblicken kann. Und diesen Ansatz, den wir „Sozialpartnerschaft“ nennen, verfolgen wir in der Chemie im Prinzip schon lange.

Interview Andreas Ogrinz©IW Medien

Was soll das Ergebnis des Dialogs sein?
Ogrinz: Ziel für den Frühsommer 2018 ist ein Sozialpartnerbericht, der eine Art To-do-Liste für die Branche darstellt. Darin wollen wir Gemeinsamkeiten und Unterschiede benennen sowie offene Fragen, die wir in einem Folgeprozess behandeln müssen.

Wie vermeiden Sie bei einem dynamischen Thema wie der Digitalisierung zu frühe und zu konkrete Vorfestlegungen?
Ogrinz: Heraklit hat gesagt „Panta rhei“, alles fließt. Das trifft auf die Digitalisierung besonders stark zu. Wenn alles so schnell fließt, muss man Lösungen immer als vorläufig betrachten. Wir müssen in Richtung Trial and Error denken. Das ist ungewohnt. In der deutschen Arbeitskultur denkt man gerne bis zum Ende, in allen Verästelungen. „Habt ihr das alles durchdacht“, werde ich manchmal gefragt. Natürlich sollten wir möglichst weit denken. Aber wenn wir versuchen, immer alles bis zum Ende zu denken, machen wir nichts. Das ist die große Gefahr. Wir müssen einfach mal ins Doing kommen. Produkte für die Arbeitswelt 4.0 entwickeln. Das machen wir auf Arbeitgeberseite zum Beispiel mit einer „Toolbox Arbeiten 4.0“, die wir den Unternehmen zur Verfügung stellen wollen.

Auf welchen Feldern sehen Sie welchen Veränderungsbedarf?
Ogrinz: Bei Veränderungen denken viele Menschen an veränderte Regeln. Das tun wir nicht. Wir brauchen an erster Stelle ein anderes Mindset. Veränderungen sind wesentlich mentale Prozesse. Wir wollen den Wandel gestalten, und dabei müssen wir die Menschen mitnehmen. Großen Veränderungsprozessen wie der Digitalisierung sollten wir nicht gleich mit der „Regulierungsfrage“ – mehr oder weniger gesetzliche Vorschriften? –  begegnen. Das wird oft zu schnell gemacht – und führt dann zu einer Polarisierung der Debatte. Das sehen wir zum Beispiel beim Arbeitszeitgesetz. Nicht dass diese Frage unwichtig wäre. Sie steht nur nicht an erster Stelle, wenn es um die Bewältigung der digitalen Transformation geht.

Es geht aber wahrscheinlich schneller, ein Gesetz zu ändern als ein Mindset. Wie wollen Sie denn an die Köpfe der Leute rankommen?
Ogrinz: Es hat viel mit Kommunikation zu tun. Das Thema muss in Politik und Öffentlichkeit und schon in den Schulen präsent sein. Jeder muss seinen Anteil beitragen. Wir als Sozialpartner können eine ermutigende Rolle spielen: Wir wissen, dass sich die Branche stark verändern wird, wir wissen aber nicht genau wie. Aber wir wissen, dass wir uns frühzeitig darauf einstellen müssen. Das erreichen wir, indem wir für das Thema sensibilisieren und es als Gestaltungsthema definieren, nicht als Angstthema. Nach dem Motto „Wir verlieren soundso viele Millionen Arbeitsplätze!“ Solche Aussagen halte ich für Quatsch, das kann niemand seriös vorhersagen.

Wer ist am Zug in der Vorbereitung aufs Arbeiten 4.0?
Ogrinz: Jeder Beschäftigte selbst muss bereit sein, sich immer wieder zu verändern, sich auf Neuerungen einlassen. Lebenslanges Lernen bekommt eine ganz neue Brisanz. Wobei digitale Bildung nicht nur IT-Kompetenzen heißt. Sondern auch Selbstmanagement, Führungskompetenz, Teamfähigkeit.
Die Sozialpartner können einiges tun durch Instrumente wie Vereinbarungen auf betrieblicher oder auf Branchenebene. Das könnten Leitlinien für gute Führung oder gutes Arbeiten sein, Verfahrensbeschreibungen für Themen wie Beschäftigtendatenschutz, tarifvertragliche Lösungen, die Anpassung von Ausbildungsordnungen – wie wir es beim Chemikanten derzeit tun –, Weiterbildungsmodule für verschiedene Berufsbilder.

Und die Politik ist gefordert. Die Digitalisierung muss unter der neuen Regierung eine große Rolle einnehmen. Im Bereich der Infrastruktur – und ganz entscheidend bei der digitalen Bildung. Das Bildungssystem muss finanziell und personell deutlich besser ausgestattet werden – ein Beispiel sind die chronisch unterfinanzierten Berufsschulen. Bildung ist das Schlüsselthema bei der Gestaltung der Digitalisierung.

Interview Andreas Ogrinz©IW Medien

Bei welchen Themen herrscht Einigkeit zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaft?
Ogrinz: Das Verständnis über Inhalte und zentrale Herausforderungen ist da. Aber es gibt natürlich unterschiedliche Auffassungen über das Wie. Wir Arbeitgeber werden tendenziell dafür plädieren, erstmal weniger zu regeln. Die Gewerkschaften wollen eher mehr als weniger Regulierung – aus dem Schutzgedanken für die Beschäftigten heraus. Aber nur von der Tendenz her. Denn was sehr interessant am Dialogprozess ist: Die Frontlinien sind nicht klar. Das liegt wesentlich an der Anlage des Prozesses. Wir arbeiten in einem geschützten Raum und lassen die Leute offen und frei reden, ohne die taktischen Vorgaben einer Tarifrunde. Das führt dazu, dass manche Arbeitgeber Dinge sagen, die man von der Gewerkschaft erwartet hätte – und umgekehrt. Diese Möglichkeit, frei zu denken, ist der Clou des Formats, weil sich alle aus ihren Rollen und dem schablonenhaften Denken lösen können. WORK@Industry 4.0, das ist meine feste Überzeugung, ist ein zukunftsträchtiges Format für die Chemie-Sozialpartnerschaft.

Ist es der Anspruch der Chemie-Sozialpartner, so viel wie möglich selbst zu gestalten und der Politik so wenig wie nötig zu überlassen?
Ogrinz: Wir ziehen die Selbstbestimmung der Fremdbestimmung vor. Weil wir glauben, dass wir Sozialpartner – und nicht die Politik – nahe an der betrieblichen Praxis sind, wollen wir die Gestaltung unserer Branche möglichst weitgehend selbst in die Hand nehmen. Das wird nicht in allen Fällen ausreichen. Aber wir verfolgen das Subsidiaritätsprinzip: Wenn man etwas auf einer unteren Ebene wie einem Betrieb regeln kann, braucht man die Politik nicht.

Wo brauchen Sie die Politik?
Ogrinz: Wir brauchen natürlich Rahmen wie das Arbeitszeitgesetz. Aber in diesem Rahmen Gestaltungsmöglichkeiten für unsere Branche. Keine Einheitslösungen, kein „one size fits all“, sondern Möglichkeiten für individuellere Lösungen – entsprechend den Flexibilisierungswünschen auf Arbeitnehmer- und Arbeitgeberseite.

Lässt sich Arbeiten 4.0 ohne Industrie 4.0 verhandeln, also die Arbeitsbeziehungen ohne die technischen Rahmenbedingungen?
Ogrinz: Das sind zwei Seiten einer Medaille. Als Arbeitgeberverband beschäftigen wir uns in erster Linie mit der Arbeitswelt. Aber wir haben vielfältige Kontaktpunkte und Dialoge mit unserem Schwesterverband VCI, der die „Chemie 4.0“ betrachtet. Wir wollen nicht im Silodenken verharren und die Arbeitswelt nicht isoliert betrachten.

Wie sehen Sie das Kräfteverhältnis? Werden technologische Fakten geschaffen und die Sozialpartner müssen sich rein reagierend um die Arbeitswelt kümmern?
Ogrinz: In gewisser Weise werden Fakten geschaffen, denen wir „erliegen“. Zum Beispiel werden die geforderten Qualifikationen steigen. Da müssen wir uns anpassen. Das war immer wieder so angesichts des technologischen Wandels. Diesmal wird es aber schneller und umfassender geschehen. Umgekehrt darf aber auch die Industrie-4.0-Welt die Arbeitswelt nicht ignorieren. Ohne die richtigen Mitarbeiter wird Industrie 4.0 nicht funktionieren.

Mit welchen Adjektiven würden Sie die künftige Arbeitswelt in der Chemie beschreiben?
Ogrinz: Schneller, transparenter, flexibler, dialogorientierter, qualifizierter. Und kreativer: Die Digitalisierung schafft Freiräume dadurch, dass sie Routinearbeiten ersetzen kann. Es klingt ja erstmal furchtbar, wenn wir hören „Unsere Tätigkeiten sind zu 30 Prozent automatisierbar.“ Aber gerade in diesen Freiräumen liegt doch die Verheißung.

 

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