Interview veröffentlicht am  23.01.2018

„Es wird immer einfacher“

Die Digitalisierung verändert, wie wir arbeiten – und wie wir leben. Worauf wir uns einstellen und wie wir uns vorbereiten können, erklärt Zukunftsforscher Lars Thomsen.

Zukunftsforscher Lars Thomsen©JORMA MUELLER PHOTOGRAPHY

Überall wird über die Digitalisierung und die Veränderungen in der Arbeitswelt gesprochen. Aber was tut sich wirklich? Und wo geht die Reise hin? Das weiß Lars Thomsen (49), einer der weltweit führenden Zukunftsforscher und Gründer des Schweizer Instituts „Future Matters“. „Noch herrscht eher die Ruhe vor dem Sturm“, sagt der gebürtige Hamburger. Seiner Meinung nach steht die Form und Organisation der Arbeit in vielen Unternehmen jetzt vor dem Umbruch.

Was genau passiert gerade?
Lars Thomsen: „Es ist eine Zeit erreicht, in der die Veränderungen in den Bereich der Arbeit kommen. Die Treiber sind Geräte und Computer, die eine eigene Intelligenz entwickeln und immer mehr zu echten Mitarbeitern, Assistenten und denkenden Einheiten werden. Bisher mussten wir lernen, wie die Computer funktionieren. Aber jetzt lernen die Computer, was wir benötigen – sie sind sozusagen proaktiv. Das wird die Art zu arbeiten mehr verändern, als es das Internet in den letzten 15 Jahren getan hat.

Dann wird es also kompliziert?
Thomsen: „Nein, es wird künftig immer einfacher! Wir werden mit einem Computer in natürlicher Sprache kommunizieren, ganz ähnlich wie mit Menschen. Wir können den Geräten Fragen stellen oder sagen, wir hätten dieses und jenes gerne anders – und der Computer versteht uns. Das durchzieht alle Bereiche der Arbeit bis hin zu Wissenschaft und Forschung. Auch die Produktion wird mit künstlicher Intelligenz und Robotik ganz natürlich umgehen. Schon jetzt fragen wir uns ja, wie haben wir es vor 20 Jahren nur geschafft, uns ganz ohne Smartphone und Internet zu organisieren? Genauso werden wir uns künftig fragen, wie haben wir das früher nur ohne künstliche Intelligenz geschafft?“

Das Smartphone begeistert, aber die Digitalisierung trifft auf Skepsis…
Thomsen: „Wie bei jeder Durchbruchs-Innovation kommen auch hier große Veränderungen auf die Gesellschaft, Unternehmen und jeden Einzelnen zu. Das betrifft sowohl die Arbeitsplätze als auch die Qualifikation der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen. Das macht vielen Angst. Die Menschen fragen sich, wo bin ich in dieser Zukunft? Wir sind in einer Übergangsphase, aber auch das kennen wir bereits aus der Geschichte. Nehmen Sie das Beispiel der Dampfmaschine, die vor über 200 Jahren erfunden wurde. Damals bestand die Arbeitsleistung der Menschen meist aus dem Einsatz der eigenen Kraft. Man hat die Muskelkraft oder die Kraft von Pferden eingesetzt und damit ein Feld bestellt, eine Fracht transportiert oder etwas produziert. Die Dampfmaschine konnte plötzlich diese Arbeit übernehmen und sogar viel mehr Kraft erzeugen. Viele sagten, „das Ding wird uns die Arbeit wegnehmen“. Sie konnten sich nicht vorstellen, was man außer der Kraft noch von ihnen benötigten könnte. Doch es hat das Spektrum der Arbeit letztlich erweitert. Etwa 40 Berufe waren es vor der Erfindung der Dampfmaschine – und im folgenden Jahrhundert mehr als 400. Die Arbeit hatte sich erweitert, dafür brauchte man Menschen mit neuen Qualifikationen.
 

Ich sehe das im Moment ähnlich: Heute besteht Arbeit oft in Routinetätigkeiten. Die Automatisierung befreit uns davon und ja, dadurch werden so manche heutige Tätigkeiten wegfallen. Zum Beispiel in der Buchhaltung, wenn eine künstliche Intelligenz die Arbeit effizienter und günstiger erledigen kann. Trotzdem wird es genügend andere Jobs geben, es gibt so viel zu entwickeln. Wichtig ist dabei, dass die Veränderung aktiv gestaltet wird. Man muss die Aufgaben innerhalb einer Industrie oder einer Firma aktiv diskutieren, alle Bereiche des Managements müssen sich mit diesem Thema beschäftigen und den Mitarbeitern die Angst nehmen.“

Wohin entwickelt sich denn die Arbeit?
Thomsen: „Die Anzahl der Innovationen wird zunehmen und die künstliche Intelligenz eine andere Form, eine kreativere Form der Arbeit erschließen. Es hat in der Vergangenheit immer wieder technische Innovationen gegeben, welche die Arbeit und die Gesellschaft enorm verändert haben. Zum Beispiel der Buchdruck, der die Schulbildung der Massen und dadurch letztlich die Bildung, Innovation und Demokratie ermöglicht hat. Wir erfinden derzeit ein Werkzeug, das uns noch sehr viel mehr hilft als alle anderen, die wir bisher erfunden haben. Heutzutage machen wir alle noch viel zu viele Dinge, die uns von unserer eigentlichen Arbeit abhalten. Die Informationsflut zum Beispiel. Künstliche Intelligenz ist in der Lage, die richtigen Infos schneller zu finden, das kann Arbeit sehr viel angenehmer machen. Ich erhalte täglich rund 200 E-Mails und kommuniziere im Schnitt fünf Stunden am PC. Da wäre es doch toll, wenn ein Computer einen Teil der Fragen für mich beantwortet und ich mehr Zeit für meine 16-jährige Tochter hätte. Wir werden große Fortschritte in den Bereichen Gesundheitsschutz, Arbeitsschutz und Ergonomie machen. Insgesamt wird Arbeit weniger stressig sein. Und wir können uns verstärkt mit Dingen beschäftigen, die uns wirklich interessieren, die uns glücklich machen und für die wir auch Anerkennung erhalten.“

Müssen wir uns verändern?
Thomsen: „Ja, Beschäftigte müssen sich auf Veränderungen einstellen und ihr Leben lang hinzulernen. In der Vergangenheit war es ja so, dass sich neue Technologien über Generationen hinweg entwickelt haben. Bislang hat immer erst die nächste Generation von Kindern neue Berufe gelernt und ist anders als ihre Eltern an die Dinge herangegangen; die Umbrüche kamen nicht über Nacht, sondern dauerten viele Jahre. Jetzt haben wir allerdings eine höhere Geschwindigkeit und damit ein Problem: Wer heute 30 Jahre alt ist, kommt mit seiner Ausbildung vermutlich keine weiteren 30 Jahre durch, da rückt die Weiterbildung in den Fokus! Das ist anstrengend und liegt sowohl in der Verantwortung des Arbeitgebers als auch jedes Einzelnen.“

Bleibt denn der bisherige Arbeitsrhythmus?
Thomsen: „Wir werden uns wohl von der regelmäßigen Arbeitszeit verabschieden. Bislang wollen wir, dass alle Menschen gleich lange arbeiten. Also alle rund 40 Stunden pro Woche und ein paar Wochen Urlaub pro Jahr. Wir merken aber mehr und mehr, dass neue Berufe auf Talenten und Know-how aufbauen, also wie jemand gewisse Aufgaben lösen kann. Die Zeit ist nicht mehr unbedingt der Maßstab der Entlohnung, eher werden die Fähigkeiten, Probleme zu lösen, den Wert definieren. Zudem fordern die Menschen immer mehr eine andere Aufteilung zwischen Arbeit und Freizeit, Beruf und Familie. Manch einer leistet dann vielleicht in nur noch 20 Stunden so viel, wie früher in 40 Stunden. Erfahrung ist dabei ein wichtiger Faktor und vielleicht sogar höher zu bewerten, als die Messung der Arbeitszeit. Ja, ich glaube, dass wir in zehn oder 20 Jahren nicht mehr so starr funktionieren. Die Arbeit wird sich an persönlichen Stilen orientieren, an Lebensumständen. Und sich daran messen, welche Produktivität oder Mehrwert jemand mit seiner Arbeit leisten kann.“

Gibt es einen Ansturm auf die besten Köpfe?
Thomsen: „Ja, sogar ziemlich sicher. Wir haben in den meisten Ländern ein demografisches Nachwuchsproblem, wir werden also immer älter und haben zugleich immer weniger Kinder. Der Nachwuchs reicht nicht mehr aus, um die immer größeren Lücken zu schließen, selbst mit Hilfe des Automatisierens oder Roboterisierens nicht. Fachkräfte sind also weiterhin gefragt. Und dann sind da noch die Talente, die jeder gerne hätte. Menschen, die sehr gut in ihrem Fach sind und zahlreichen Firmen dabei helfen können, in einem dynamischen Weltmarkt an der Spitze zu bleiben. Diese können sich immer mehr frei aussuchen, für wen und wie sie arbeiten möchte. Das merkt man heute schon in Bewerbungsgesprächen: Da fragen die Kandidaten nicht mehr zuerst danach, was sie denn verdienen und ob man sie denn einstellen würde. Stattdessen definieren sie, wie sie arbeiten möchten und der Arbeitgeber muss sich ihnen anpassen! Das ist wirklich ein interessanter Umbruch. Vermutlich bewerben sich unsere Kinder in 20 Jahren nicht mehr bei den Unternehmen, sondern die Unternehmen bei ihnen. Die Firmen müssen dann eine attraktive Arbeitskultur und so spannende Projekte bieten, dass die Bewerber gerne dazugehören würden. Fast, als würde man in einen Club eintreten. Mehr und mehr geht es also um die Frage, wie ist die Kultur einer Firma? Wie sieht es mit der Führung aus? Welche Ziele gibt es? Firmen werden zu einer Wertegemeinschaft, über die Menschen sagen, davon wäre ich gerne ein Teil.“

Das klingt nach frischem Wind. Aber neue Ideen kommen nicht immer gut an…
Thomsen: „Das ist das Dilemma des Innovators. Wenn eine Firma gut läuft, gibt es natürlich jede Menge Argumente dafür, nichts zu verändern. Aber wer sich in einer sich verändernden Welt selber nicht verändert, ist irgendwann nicht mehr wettbewerbsfähig. Es ist immer schwer, mit etwas Bestehendem zu brechen. Der Ökonom Joseph Schumpeter nannte das im letzten Jahrhundert bereits das Prinzip der „kreativen Zerstörung“. Man muss etwas bezweifeln, um etwas Neues zu erschaffen. Das fällt einem etablierten Unternehmen sehr viel schwerer als einem Startup. Die können einfach komplett neu loslegen. Startups finden schnell Kapital und fordern damit bestehende Marktführer heraus. Moderne Betriebe müssen die Startup-Kultur ins Unternehme übernehmen. Wie können wir Technologien, neue Märkte und Kundenwünsche integrieren? Ein gutes Innovationsmanagement ist permanent auf der Suche nach einem neuen Weg. Da geht es nicht um das, was wir kennen. Sondern um die Frage: Ist das wirklich noch zeitgemäß?“

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