Artikel veröffentlicht am  14.02.2018

Die Digitalisierung von Lieferketten

Wie können Chemie-Mittelständler die Chancen der Digitalisierung nutzen und sie mitgestalten? Ein Beispiel aus der Lackindustrie zeigt, wie Kunden profitieren – und was sich im Verhältnis zu Lieferanten noch verbessern kann.

Geht es nach Hesse Lignal, hat der bewährte Farbfächer bald ausgedient. Kunden des Lackherstellers aus Hamm können nun mit einer Farbbestimmungs-App arbeiten. Mit einem kleinen kompakten Gerät, dem Color Reader, scannt der Handwerker oder der Innenarchitekt den gewünschten Farbton. Das Gerät verbindet sich per Bluetooth mit dem Smartphone und die App gleicht sekundenschnell die Farbwünsche mit der Datenbank von Hesse ab. Die drei besten Ergebnisse und die dazugehörigen Artikelnummern erscheinen auf dem Display. Der führende Hersteller von Lacken und Beizen für den Innenbereich stellt den Nutzern eine Auswahl aus rund 5000 Farbtönen und eine Zeitersparnis von über 90 Prozent in Aussicht.

 

Mit der Resonanz ist der Geschäftsführer des gleichnamigen Familienunternehmens mit rund 430 Mitarbeitern, Hans J. Hesse, sehr zufrieden. „Wir sind die ersten, die so etwas anbieten und haben schon mehrere Hundert Geräte verkauft. Die Farbbestimmung ist auf diese Weise nicht nur schneller, sondern auch präziser. Wir schalten mehrere Fehlerquellen aus: die Ungenauigkeit der Farbkarten und des menschlichen Auges wie auch die Unterschiede im Lichteinfall“. Bestellen kann der Nutzer über die App noch nicht, aber auch das ist geplant.

Digitale Lieferketten sind „erfolgskritisch“

Eine aktuelle Untersuchung des Beratungsunternehmens Camelot hat gezeigt: Drei Viertel der befragten Chemieunternehmen setzen bereits digitale Technologien ein oder entwickeln sie sogar selbst. Der Rest beobachtet oder entwickelt zumindest Konzepte. Die Digitalisierung der Lieferketten einschließlich Logistik und Vertrieb stuften dabei mehr als 80 Prozent der Befragten als „erfolgskritisch“ oder „wesentlich“ für die nächsten drei Jahre ein. Ein Ergebnis war allerdings auch: Firmen mit mehr als 800 Mitarbeitern sind in der Sache weit aktiver.

 

Anders Hesse Lignal: Der Color Reader, den das Unternehmen mit einem Partner auf den Markt gebracht hat, ist ein weiterer Schritt in der Digitalisierung der Kundenbeziehungen. Die Abnehmer können bereits im Webshop bestellen sowie den Status ihrer Lieferung online verfolgen. Hesse bindet sie über den Elektronischen Datenaustausch (EDI) an: Die Kommunikation läuft dabei automatisiert ab. „Das ist mittlerweile marktüblich: Die Kunden erwarten es“, sagt Hesse.

App statt Ausdrucke

Vor zwei Jahren schon hatte der Lackhersteller die Idee, Handwerker, Innenarchitekten und industrielle Möbelhersteller aus ganz Deutschland zum „Heimspiel“ einzuladen. Per Live-Stream wurden die Gäste ins Innovationszentrum in Hamm geschaltet und konnten sich die neuen Produkte und Anwendungen anschauen. „Es war keine einseitige Kommunikation“, erzählt der Geschäftsführer: „Sie konnten auch Rückfragen stellen und haben diese Chance reichlich genutzt.“

 

Doch der Wunsch, die Produkte live zu erleben, sei noch größer. Hesse organisiert deshalb regelmäßig Innovationstage am Standort. 2017 kamen rund 1000 Kunden nach Hamm. Mit einer Event-App konnten sie ihre Termine organisieren, Fotos und Feedback posten und untereinander kommunizieren. „Wir haben alles vom Programm bis zum Busfahrplan in die App gepackt, was wir früher auf Papier ausgedruckt haben“, so der Firmenchef. Und was bei den Gästen super ankam, überlegt die Geschäftsführung nun auch den Mitarbeitern zur Verfügung zu stellen.

© Hesse Lignal

Firmen brauchen sichere Schnittstellen

Auf der anderen Seite der Kette, in der Beziehung zu den Lieferanten, hat sich bisher nicht so viel getan. „Das bieten uns die Zulieferer zwar vielfach an, aber wir haben sie noch nicht richtig digital angebunden“, sagt Hesse. Ausnahme: der Einkauf sogenannter C-Artikel von geringerem Wert. Dieser wird über ein Online-Portal abgewickelt, „ähnlich wie Amazon für Chemieunternehmen“. So sei es einfacher, viele Kleinartikel zu bestellen und den günstigsten Preis zu finden. „Der nächste Schritt wäre, die Anbindung der Lieferanten von A- und B-Gütern zu digitalisieren. Dafür müssen wir jedoch sichere Schnittstellen aufbauen.“

 

Der Wandel sei aufwändig, schildert Hesse seine Erfahrungen: Man müsse viel Geld investieren, die Hard- und Software immer auf dem aktuellen Stand halten, die Mitarbeiter einbeziehen und schulen wie auch die Kunden mitnehmen und unterweisen. „Wir programmieren nicht alles selbst, sondern arbeiten mit Externen zusammen und kaufen oder mieten die Software. Der Aufwand ist dennoch beträchtlich. Zudem sind wir keine Verfechter der Cloud und speichern die Daten in unserem Rechenzentrum direkt am Standort.“ Angesichts des Investitionsbedarfs kann Hesse verstehen, dass laut Umfragen nur ein Viertel der Mittelständler sich in Sachen Digitalisierung gut aufgestellt fühlen.

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