Artikel veröffentlicht am  06.03.2018

Flexibel bei Job und Familie

Die Digitalisierung erfordert und ermöglicht flexibleres Arbeiten in der Chemie. Wir zeigen Beispiele, wie sich Beruf und Familie besser vereinbaren lassen und wie die weltweite Zusammenarbeit in Unternehmen leichter gelingt.

 Flexibel bei Job und Familie©Gerd Scheffler

Atsutaka Manabe, Merck

Freitagmorgen, 8 Uhr: Zuhause im südhessischen Bensheim ruft Atsutaka Manabe vom Laptop aus Kollegen im 8500 Kilometer entfernten Südkorea an. Höchste Zeit, dass die Skype-Konferenz losgeht. In Südkorea ist es wegen der Zeitverschiebung bereits 16 Uhr. Und zwei Stunden wird die Besprechung der Mitarbeiter des Darmstädter Konzerns Merck dauern.
 

„Wenn möglich, mache ich solche Konferenzen am Freitag. Da arbeite ich im Homeoffice und habe vorher nicht den Stress auf der zugestauten Autobahn nach Darmstadt“, sagt Manabe. Der 56-Jährige forscht an Flüssigkristallen, die in Displays von Smartphones und Tablets stecken. Das Geschäft spielt sich in Asien ab, Konferenzen starten daher früh.

„Wichtig ist, mein Pensum zu erfüllen“

Szenenwechsel: 300 Kilometer weiter nördlich, in einem Dorf bei Hamm, zieht Stephanie Blech die Haustür zu und bringt ihre beiden Söhne zur Kita. Heute Morgen hat es etwas länger gedauert. Aber das lässt die Mutter cool. „Ob ich um 9 Uhr in der Firma anfange oder um 9.30 Uhr, ist nicht so wichtig, so lange ich mein Pensum erfülle“, sagt die 36-Jährige. „Mein Arbeitgeber hat Verständnis für meine Situation. Ich kann auch mal einen Tag von zuhause aus arbeiten.“ Diese Möglichkeit hilft ihr, Beruf und Familie besser zu vereinbaren. Blech ist Industriekauffrau bei Hesse Lignal in Hamm, nach eigenen Angaben Marktführer in Deutschland bei der Herstellung von Holzlacken und Beizen.

Familienfreundlichkeit©privat

Stephanie Blech, Hesse Lignal

Zwei Chemiebeschäftigte, zwei Beispiele, wie flexible Arbeit heute aussehen kann. Sie zeigen: Für den Wunsch nach Flexibilität gibt es berufliche wie private Antreiber – und digitale Arbeitsmittel machen die Erfüllung dieses Wunsches immer einfacher. In weltweit agierenden Konzernen muss der Kontakt zu Kollegen und Kunden in Asien oder Amerika auch am Rand des Arbeitstags möglich sein. Bei mehr und mehr Mittelständlern, die in den Boom-Regionen Geschäfte machen, ist das ebenso ein Thema. Und dann ist Flexibilität unerlässlich für viele Mitarbeiter, die sich um Kinder oder andere Familienangehörige kümmern.

Instrumente für eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben

Wie damit umgehen? Merck etwa hat mit dem Betriebsrat 2013 ein innovatives Arbeitszeitmodell eingeführt – mywork@merck. „Wir geben unseren Mitarbeitern eine sehr weitgehende Autonomie über Arbeitszeit und -ort“, erklärt Philip Heßen, Personalleiter Deutschland bei Merck.
 

Das Unternehmen versteht das Arbeitszeitmodell nicht nur als Instrument für eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie, sondern für ein besseres Privatleben insgesamt. Merck ermöglicht dazu ein breites Spektrum von Arbeitszeiten, sofern sie zwischen 6 Uhr morgens und 19 Uhr abends liegen. Arbeit in zwei Blöcken mit großer Pause dazwischen ist ebenso drin wie vier lange Tage und dann ein Tag freinehmen, wenn dabei die Vorschriften des Arbeitszeitgesetzes eingehalten werden. Gearbeitet werden kann im Betrieb, zuhause, im Café oder im Park, sofern die Aufgabe das zulässt. Klar geht nicht alles: Die laufende Produktion beispielsweise kann man nur schwer von außen steuern. Und alle müssen die Spezialregelungen ihrer Teams berücksichtigen.

Fachleute legen Wert auf Flexibilität

„Wir steuern von Darmstadt aus einen Konzern, der in 66 Ländern rund um den Globus aktiv ist“, begründet Heßen das Modell. „Das geht nur schwierig mit klassischen Arbeitszeiten.“ Wie etwa von 9 bis 17 Uhr in der Verwaltung. „Zudem wollen wir für Wissenschaftler, Forscher und Techniker attraktiv sein. Die legen Wert auf solche Freiräume.“
 

Etwas mehr als die Hälfte der 10000 Beschäftigten hierzulande macht aktuell mit, darunter 1800 Tarifmitarbeiter. 86 Prozent der Merckser finden das Modell laut einer internen Umfrage „gut“ oder „sehr gut“. Der Krankenstand ist gesunken, die Zufriedenheit der Belegschaft gestiegen. Und zufriedene Beschäftigte arbeiten konzentrierter, motivierter und kreativer.

 

Chemiebranche flexible Arbeit©Gerd Scheffler

Philip Heßen (l.), Personalleiter Deutschland, und Bastian Benz, Head of Compensation & Benefits Germany, beide Merck

„Familienfreundlichkeit hat hohen Stellenwert“

Genau darum geht es auch Hesse Lignal in Hamm. Das Familienunternehmen (430 Mitarbeiter) ermöglicht Flexibilität über ein Arbeitszeitkonto. „Darüber hinaus unterstützen wir eine Reihe von Beschäftigten mit individuellen Arbeitszeit-Absprachen“, erklärt der Kaufmännische Leiter Michael Heinrichs. Stephanie Blech etwa arbeitet 19 Stunden in der Woche. „Familienfreundlichkeit hat für uns einen hohen Stellenwert.“
 

Um neben der zeitlichen Flexibilität auch die örtliche Flexibilität zu ermöglichen, hat Hesse ihr für die Arbeit im Homeoffice einen Laptop gestellt. Auch Merck-Mitarbeiter erhalten in der Regel vom Konzern Notebook, Kamera und Headset für daheim. Aber birgt das nicht das Risiko, zu viel zu arbeiten? „Um dies zu vermeiden, müssen die Chefs ihre Fürsorgepflicht intensiver wahrnehmen und ihre Mitarbeiter beim Zeitmanagement unterstützen“, sagt Heßen. „Unsere Mitarbeiter müssen ihre Arbeit selbst strukturieren können.“ Eine Arbeitsgruppe aus Personalern und Betriebsräten beobachtet das Modell ständig und entwickelt es weiter.
 

Denn auch das ist klar: „Flexibles Arbeiten wird zunehmen“, ist Forscher Atsutaka Manabe von Merck überzeugt. Der Arbeitsplatz der Zukunft kann sich vielerorts befinden. Von wo und wann eine Arbeit geleistet oder ein Projekt vorangetrieben wird, dürfte für viele keine Rolle mehr spielen – was zählt, ist das Ergebnis.

 

Schlagwörter:

Weitere Artikel aus dem Themenschwerpunkt Arbeiten 4.0

Video

Chemie 4.0

Wie kann die Chemieindustrie 4.0 aussehen? Die wichtigsten Trends hat der Branchenverband VCI in einem Video zusammengefasst, das wir Ihnen empfehlen.

Artikel

Digitalisierte Lieferketten

Wie können Chemie-Mittelständler die Chancen der Digitalisierung nutzen und sie mitgestalten? Ein Beispiel aus der Lackindustrie.

Artikel

So verändert Digitalisierung Geschäftsmodelle

Die Digitalisierung eröffnet den Chemieunternehmen neue Geschäftschancen. Wir stellen gute Ideen zu Produkten, Innovationen und Vertrieb vor.

Artikel

So kann Arbeiten 4.0 aussehen

Wie wird die Digitalisierung die Arbeit in der Chemieindustrie verändern? Diese Beispiele zeigen, welche Chancen Arbeiten 4.0 schon heute bietet.

Artikel

Deutschlands digitale Zukunft

Die Digitalisierung muss ein zentrales Thema der nächsten Regierung sein. Wir erklären, was die Parteien bei Breitband oder Arbeiten 4.0 wollen.

Interview

Wie Führung 4.0 funktioniert

Was sich für Führungskräfte durch die Digitalisierung ändert.

FAQ

Wandel und Chancen

Wie kann die Digitalisierung das Arbeiten in der Chemieindustrie verändern? Und was wird für Mitarbeiter getan? Die wichtigsten Antworten.

Artikel

Die größten Veränderungen

Welche Trends werden die digitalisierte Arbeitswelt prägen? Wir haben die 10 wichtigsten zusam-mengestellt mit allen Chancen und Herausforderungen.

Interview

„Es wird immer einfacher“

Die Digitalisierung verändert unsere Arbeit und unser Leben. Wie wir uns vorbereiten können, erklärt Zukunftsforscher Lars Thomsen.

Artikel

Lernen für die Digitalisierung

Die Digitalisierung mitgestalten - wie geht das? Wir haben einen Chemiemitarbeiter getroffen, der sich für die Chemie 4.0 stetig weiterbildet.

Interview

Weiterbildung im Alter

Können ältere Beschäftigte beim digitalen Wandel mithalten? Professor Stamov Roßnagel erklärt, wie Weiterbildung im Alter funktioniert.

Video

Was Mitarbeiter über Digitalisierung denken

Wie hat die Digitalisierung das Privatleben und den Arbeitsplatz verändert? Und was kommt noch? Eine Videoumfrage unter Chemie-Mitarbeitern.

Video

Die Chemiefabrik der Zukunft

Logistik, Forschung, Produktion, Verwaltung: Unser Erklärvideo zeigt, wie die Chemiefabrik digitaler wird und welche zentrale Rolle der Mensch spielt.

Interview

Arbeiten 4.0 gestalten

Wie die Chemie-Sozialpartner das Arbeiten 4.0 gemeinsam gestalten wollen.

Artikel

Lernen für das Arbeiten 4.0

Die Digitalisierung verändert auch die berufliche Ausbildung in der Chemie. Was Unternehmen tun, um Azubis fit fürs Arbeiten 4.0 zu machen.

FAQ

Tipps zum Datenschutz

Was Unternehmen und Beschäftigte tun können.