Artikel veröffentlicht am  30.01.2018

Mithalten durch Mitarbeiter

Lebenslanges Lernen ist wichtig, damit Beschäftigte und Firmen bei der Digitalisierung dranbleiben. Wir haben einen Chemiemitarbeiter getroffen, der sich stetig weiterbildet.

© Michael Deutsch

Es ist Donnerstag, kurz nach dem Mittag. Robert Theiß und Thomas Wolfram sind in ein Fachgespräch vertieft. Der Betriebsassistent für die Produktion und der promovierte Forschungs- und Entwicklungschemiker des Synthese-Spezialisten Organica Feinchemie in Wolfen (Sachsen-Anhalt) sind in der Detailarbeit für einen speziellen Kundenauftrag.

Im Labor ist ein passendes Verfahren dafür ausgeklügelt worden, nun geht es in die praktische Umsetzung: Welcher Reaktor wird verwendet, welche Mengen welcher Chemikalien werden gebraucht, wann wird die mehrstufige Synthese durchgeführt, wie viele und welche Mitarbeiter sollen diese Arbeit erledigen? Organica fertigt für unterschiedlichste Branchen, etwa hochveredelte Feinchemikalien für die chemische Industrie oder Zwischenprodukte für die Pharmaindustrie, die später Teil eines Wirkstoffes werden. Zudem gehören eine Vielzahl verschiedener Farbstoffe für die Fotoindustrie, aber auch Farbstoffe für spezielle Solarzellen, Laseranwendungen, Haarfärbemittel und für die medizinische Diagnostik zum Produktportfolio.

© Michael Deutsch

Planer: Robert Theiß (l.) und Thomas Wolfram besprechen einen Kundenauftrag.

Als Betriebsassistent für die Produktion benötigt Theiß für jeden Produktionsansatz viele konkrete  Informationen, um seinen Aufgaben nachkommen zu können. „Beispielsweise kümmere ich mich um die Einhaltung von gesetzlichen Bestimmungen und interner Vorschriften, die notwendigen Arbeitsschutz- und Sicherheitsbelehrungen“, sagt der 24-Jährige. Manchmal kann auch spezielle Sicherheitsbekleidung notwendig werden oder neue Mitarbeiter benötigen an den komplexen Apparaturen eine praktische Einweisung. Und natürlich muss alles an den entsprechenden Stellen elektronisch dokumentiert werden.

Mit Weiterbildung beim Wandel mithalten

Viel zu tun und immer wieder viel zu lernen, schließlich hat Organica (90 Mitarbeiter) etwa 500 Produkte im Portfolio – und ständig kommen durch Kundenanfragen Exklusivprodukte hinzu. Theiß ist sich sicher, dass lebenslanges Lernen seine und jede andere Karriere in der Chemie begleiten wird: „Die Technik wandelt sich immer schneller, die Technologien ebenfalls. Chemie 4.0 steht ins Haus, also die noch stärkere digitale Vernetzung der Produktion.“

„Wer beim Wandel mithalten – oder ihn sogar mitgestalten – will, sollte sich weiterbilden“, ist dem jungen Mann bewusst. Auch wenn das wie in Theiß‘ Fall einiges an Arbeit bedeuten kann. Denn fürs Lernen nutzt der junge Betriebsassistent auch den Feierabend. Seminare vorbereiten, Aufzeichnungen durchsehen, Fachbücher wälzen: Der gelernte Chemikant studiert seit 2016 neben der Arbeit am Berufsbildungszentrum bbz Chemie in Berlin-Adlershof Chemical Engineering. Ganz oben auf den Themenplänen für die nächsten Semester stehen Digitalisierung und Chemie 4.0.

Jeden Freitag von 16 bis 21 Uhr und den kompletten Samstag büffelt Theiß in Berlin, in der Woche nach der Arbeit zu Hause. Ist ihm das nicht zu viel? „Nein“, sagt der gebürtige Wolfener bestimmt. Chemie und Technik haben ihn schon immer begeistert, er wollte immer mehr wissen, Neues dazu lernen. Deshalb hat er zielstrebig an einem örtlichen Gymnasium Abitur gemacht, dann für die praktische Erfahrung Chemikant gelernt und wurde anschließend vom Ausbildungsbetrieb übernommen.

Bildungsfreundliches Betriebsklima

2015 wechselte er zu Organica, arbeitete dort als Chemikant und nutzte die erste Chance: Nach einem Jahr wurde intern die Stelle des Betriebsassistenten ausgeschrieben – mit der Maßgabe, studieren zu gehen. Theiß bewarb sich und bekam den Zuschlag: „Ich war zur richtigen Zeit am richtigen Platz“, freut er sich. Klar gibt es auch Tage, an denen er überlegt, ob die Belastungen nicht doch zu groß sind. „Zweifeln ist normal“, sagt er pragmatisch, „doch deshalb stelle ich meine Ziele nicht in Frage“. Schließlich hat er die volle Unterstützung des mittelständischen Unternehmens für seinen Weg. Beispielsweise kann er freitags zu Hause bleiben, um sich ordentlich auf die zwei Studientage in Berlin vorzubereiten.

© Michael Deutsch

Einsatz: Theiß in der Produktion von Organica Feinchemie

Überhaupt herrscht bei Organica ein sehr bildungsfreundliches Klima, bestätigt Sabrina Boldt,  Mitarbeiterin aus dem Bereich Marketing/Verkauf, die sich im Unternehmen auch um die Einhaltung und Umsetzung der EU-Verordnung REACH (Registrierung, Bewertung, Zulassung und Beschränkung chemischer Stoffe) kümmert. Die Diplomchemikerin ist seit einem Jahr im Unternehmen. „Einerseits ist unser Kerngeschäft Auftragssynthesen sehr wissensintensiv, ständig kommt Neues hinzu“, sagt die 30-Jährige.

Andererseits entwickle sich Chemie 4.0 zu einem Riesenthema, gerade für den Mittelstand. „Wir müssen dafür sorgen, dass wir so aufgestellt sind, dass wir am Markt und mit den Kunden mithalten können.“ Als Prozessindustrie sei die Chemie zwar schon in hohem Maße automatisiert, doch die Digitalisierung verspreche eine Vielzahl von neuen Anwendungsfeldern. Vorausschauende Wartung von Prozessanlagen etwa, die ausgefeilte Steuerung logistischer Prozesse, der Einkauf von Rohstoffen und Energie, das Energiemanagement sowie die modulare Produktion. „Ohne lernwillige Mitarbeiter ist das Mithalten nicht zu stemmen.“

Viele Möglichkeiten zur Qualifizierung

Um bei allen Neuerungen auf dem Stand zu bleiben, bietet Organica seinen Beschäftigten viele Möglichkeiten zur Qualifizierung: neben dualen Studiengängen und der berufsbegleitenden Techniker- oder Meisterausbildung auch aufgabenbezogene Schulungen – sowohl auf Wunsch des Mitarbeiters als auch aus betrieblicher Notwendigkeit. Aber auch Spezialschulungen zu Themen wie Zeitmanagement, Führung oder Kommunikation können die Mitarbeiter belegen.

„Wenn wir intern weiterbilden können, tun wir das. Und wir setzen auf die Freiwilligkeit der Mitarbeiter“, betont Boldt. „Wer etwas freiwillig macht, hat erfahrungsgemäß großes Interesse, übernimmt Verantwortung und macht das mit Herzblut.“

Wie Robert Theiß. Hat er noch höhere Ziele? „Jetzt mache ich erstmal mein Studium fertig, damit ich meine Stelle richtig ausfüllen kann. Dann sehen wir weiter.“

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