Artikel

So verändert Digitalisierung Geschäftsmodelle

Die Digitalisierung eröffnet den Chemieunternehmen neue Geschäftschancen. Wir stellen gute Ideen zu Produkten, Innovationen und Vertrieb vor.

Die Digitalisierung wird in der Chemieindustrie nicht nur das Arbeiten verändern. Immer leistungsfähigere Computer, neue Algorithmen und das Internet der Dinge, in dem physische und digitale Objekte vernetzt sind, eröffnen auch neue Geschäftschancen für die Unternehmen. Sie können produktiver und innovativer werden, indem sie eigene mit Kundendaten koppeln oder durch die einfache Kombination von Modulen flexibler fertigen. Auch neue serviceorientierte Geschäftsmodelle werden möglich. Und Online-Plattformen erleichtern die Knowhow-Gewinnung.

©Evonik

Was sagt das Gegacker über die Stimmung aus? Im Hühnerstall der Zukunft sammeln und analysieren Sensoren, Mikros und eine spezielle Software alle Parameter. Evonik-Forscher entwickeln das „Precision Livestock Farming“ (PLF) für Geflügel, um den Bauern wirksame Empfehlungen zur Fütterung und Haltung an die Hand zu geben. Erste Prototypen werden 2018 bei ausgewählten Kunden getestet. Die Werte werden in Echtzeit erfasst, Empfehlungen täglich per App herausgegeben. „Unser Ziel ist es, dass die Tiere gesund bleiben und möglichst ohne unnötige Medikamente groß werden“, sagt Stefan Pelzer, Leiter des Bereichs „Gut Health & Diagnostics“ beim Konzern. Evonik stellt unter anderem Futterzusatzstoffe wie Aminosäuren und Probiotika her, die speziell für die Geflügelzucht entwickelt wurden. Denkbar ist, dass die datenbasierten Empfehlungen unabhängig vom Produktverkauf so großen Nutzen erbringen, dass das Unternehmen sie als eigenständige Leistung vermarkten kann. Mit dem selbstlernenden PLF-System werden die Fleischproduzenten ganz genau wissen, wie es den Tieren geht und gezielt das Nötige zufüttern oder frühzeitig die Ausbreitung von Infektionen verhindern. Das kann auch der Qualität des Fleisches zugutekommen.

Die Hälfte der Innovationen will Procter & Gamble mit Hilfe externer Partner entwickeln. Auf der globalen Plattform P&G`s Connect+Develop können Tüftler, Start-ups, Unternehmen oder Hochschulen ihre Ideen für neue Hygiene- und Pflegeprodukte, Verpackungen, Produktionstechnologien oder Geschäftsmodelle einstellen. Die Innovation und die Vorteile für das Unternehmen werden kurz beschrieben. Man kann auch Patente, Fotos oder Testergebnisse hochladen. Es gibt keine speziellen Kriterien für Einreicher, nur vertraulich dürfen deren Informationen nicht sein. Ein internationales Team sichtet die Vorschläge und leitet sie in den internen Prozess ein. Auf diese Weise sind schon bekannte Produkte wie der Meister Proper Schmutzradierer oder die Zahnbürste Oral-B Pulsonic entstanden. Selbst wenn sie auf den ersten Blick nicht zum P&G-Sortiment passen: „Manchmal bringen Innovatoren bahnbrechende Lösungen, von denen wir nicht wussten, dass wir sie brauchen“, so der US-Konzern.

Die Mitarbeiter wissen es oft am besten: Dörken sammelt Anregungen für neue Produkte und Anwendungen über das Intranet. Jeder Mitarbeiter aus der gesamten Unternehmensgruppe, die Bauverbundfolien, Baufarben, Farbpasten und Mikroschicht-Korrosionsschutz entwickelt und produziert, hat Zugang zu einem „digitalen Zettelkasten“. Wer keinen Computer am Arbeitsplatz hat, kann Ideen über ein Terminal einreichen. „Ein Viertel bis zu einem Drittel unserer rund 1000 Mitarbeiter nutzt diese Chance“, sagt Ilias Mokanis, Referent des Vorstands. Die Beschäftigten sehen auf der Plattform auch den Status ihres Vorschlags, etwa den zeitlichen Ablauf bis zur Entscheidungsfindung. Gruppen können gemeinsam eine Idee einreichen und untereinander diskutieren. Dörken hat das betriebliche Vorschlagswesen schon seit längerem digitalisiert. Erst kürzlich wurde das System jedoch in Richtung leichterer Erreichbarkeit und höherer Transparenz weiterentwickelt. Es wurden zum Beispiel Erinnerungen wie auch Arbeitsschleifen für die Entscheider eingebaut. Das digitale Werkzeug allein reiche aber nicht aus, sagt Mokanis: Das Familienunternehmen habe auch seine Ideenmanagement-Prozesse neu organisiert. „Aber die Plattform erleichtert es uns, den Überblick zu behalten und die Zeit zwischen Einreichung und Entscheidung deutlich zu verkürzen.“

Mit einer neuen App von Continental können Flottenmanager Fahrtenschreiber selbst einrichten. Bisher konnte nur eine autorisierte Werkstatt die Lizenzen, Vorwarnungen oder das Verhalten bei ausgeschalteter Zündung bei einem neuen Fahrzeug einstellen. „Mit der neuen App nimmt die Konfiguration des Tachographen nur wenige Minuten statt einiger Stunden in Anspruch. Neue Fahrzeuge können bereits kurz nach der Abholung ohne großen Organisationsaufwand für den Betrieb auf Fahrt gehen“, erklärt Lutz Scholten, Leiter von Tachographs, Telematics and Services beim Reifenhersteller. Continental entwickelt verschiedene Apps für Flottenmanager und erweitert so seine Angebotspalette um einen Service, der Kunden viel Arbeit abnehmen kann.

Linde-Spezialisten fahren mit einer Virtual-Reality-Brille zu den Kunden. So können diese ihre industrielle Großanlage quasi in echt erleben, bevor sie fertiggestellt ist. Auch das Personal, das später an der Anlage arbeiten wird, trainiert in der virtuellen Realität des Gaseherstellers: Mit einer VR-Brille auf der Nase und einem Controller in der Hand „beamen“ sich die Anwender in das dreidimensionale Modell hinein, laufen dort herum, schauen sich die Ventile und Kompressoren von allen Seiten an und testen die Funktionen. Man kann sogar in Wärmetauscher oder Kältekammer hineinschlüpfen. „Die VR-Nachbildung beruht auf den Computerdaten, die wir bei der Konstruktion des Moduls angelegt haben, deshalb ist sie extrem detailreich“, so Julien Brunel, Leiter Digitalisierung der Engineering Division. So können die Schulungen bereits in der Planungsphase anfangen und die Fachkräfte frühzeitig Feedback dazu geben.

©Linde

Covestro startet 2018 eine neue digitale Chemie-Handelsplattform. Geschäftskunden können Standardprodukte des Werkstoffherstellers zu aktuellen Marktpreisen online kaufen. Covestro wird aber auch geprüfte Basisprodukte und Services anderer Anbieter vertreiben. Der Handel von Chemikalien verläuft heutzutage noch zu einem großen Teil offline, was zeit- und kostenintensiv ist. Grund sind unter anderem die strengen Regularien. „Digitale Lösungen tragen heute entscheidend dazu bei, das Leben zu erleichtern“, sagt Markus Steilemann, Vorstand für Marketing, Vertrieb und Innovation. „Wir wollen einen entscheidenden Beitrag leisten, um unsere Kunden durch digitale Werkzeuge und Methoden in ihrem Geschäft noch erfolgreicher zu machen.“ Geplant ist etwa die umfassende Ansprache von der ersten Produktidee bis zur Betreuung nach dem Kauf. Die Plattform ist nach Kundenwünschen konzipiert und soll innerhalb von zwei Jahren bis zu 1 Milliarde Euro zusätzlichen Umsatz bringen.