Interview veröffentlicht am  12.12.2017

Wie Führung 4.0 funktioniert

Was modernes Führen erfordert

Dr. Schnell: Wie Führung 4.0 funktioniert©Hans-Rudolf Schulz

„Da kommt der Chef, zeig‘ mal Leistung!“, ruft ein Mitarbeiter von Dr. Schnell, Spezialist für professionelle Reinigungsmittel in München. Und grinst breit. Besagter Chef grinst zurück. Ein großes Lob der Belegschaft stärkt Geschäftsführer Dr. Thomas Schnell den Rücken: 2017 bekam er die Auszeichnung „Deutschlands beste Arbeitgeber“. Bei einer Befragung durch das Great Place to Work-Institute Deutschland gaben die 300 Mitarbeiter an, ihre Arbeitsumgebung sei „besonders vertrauenswürdig, wertschätzend und motivierend“.

„Da freust du dich schon“, sagt der 43-jährige Chef. Er führt das Familienunternehmen in siebter Generation – in einer Zeit, die Führungskräften und Mitarbeitern viel abverlangt. Denn die technologischen Herausforderungen angesichts Industrie 4.0 erfordern einen mentalen Wandel. Mit neuen Qualifikationen wie Projektarbeit, Führen über Distanz oder der Etablierung einer offenen Fehlerkultur: „Gute Führung“ hat eine Schlüsselrolle bekommen, die laut Experten bestimmte Elemente enthalten muss. Auch, wenn es darum geht, wie sich Aufgaben und Anforderungen durch die Digitalisierung der Arbeit wandeln und was das für die Mitarbeiter bedeutet. Thomas Schnell hat sie bereits beherzigt, denn er folgt seinem Grundsatz: „ Wir leben eine Kultur permanenter Innovation, handeln engagiert und professionell und pflegen ein sympathisches, menschliches Miteinander. Diese Werte sind unsere tägliche Richtschnur.“ Wie das im Einzelnen geht? Er verrät es gerne:

1. Kontrollierter Kontrollverlust

„Du musst loslassen können“, sagt Schnell. Gemeint ist die Bereitschaft des Vorgesetzten, bei Themen wie Arbeitszeit, Arbeitsinhalt und Arbeitsort die Kontrolle abzugeben. „Was zählt, ist das Ergebnis“, sagt der Unternehmer. „Ich frage nicht ab, wer was wann macht. Sondern ich will wissen, was wollen wir wann erreichen?“ Bei der Arbeitszeit vertraut er den Kollegen, der Arbeitsort variiert ohnehin bei vielen Mitarbeitern durch den Außendienst. Beim Homeoffice ist Schnell jedoch skeptisch: „Firmen wie Google, Facebook und SAP lehnen Homeoffice ab. Ich meine auch, dass man Interaktion nicht durch das Internet ersetzen kann. Die Präsenz, die Gemeinsamkeit, das ist mir sehr wichtig.“ Hier muss jedes Unternehmen seinen eigenen Weg finden.

2. Vorbildfunktion

Die Theorie sagt, wer als Führungskraft keinen Raubbau an sich selbst und seiner Gesundheit betreibe, der rege seine Mitarbeiter zu einem ebenso nachhaltigen Umgang mit sich selbst an. „Es vorzuleben ist immer ein wichtiger Punkt“, sagt Schnell, „das erlebe ich bei meinen eigenen vier Kindern immer wieder.“ Die Vorbildfunktion übernimmt er auch im Büro – aber ob das die Belegschaft annimmt?  „Jeder hat so seine Eigenheiten und Vorlieben, man kann niemanden zu seinem Glück zwingen“, so der Jurist. Er hat schon überlegt, den E-Mail-Server von 19 Uhr abends bis 7 Uhr in der Früh abzustellen, „damit Mitarbeiter nicht noch vor dem Fernseher Mails kontrollieren.“ Er selbst gehe am Wochenende auch niemanden auf die Nerven: „Man braucht diese Zeit für sich, um Kraft zu tanken.“

3. Klima der Wertschätzung

Vorwärts geht es im Betrieb nur mit Menschen, die „wertschätzend miteinander umgehen“, sagt der Chef, „das ist die entscheidende Basis.“ Wer Respekt erfährt, der ist motivierter, produktiver und eher bereit für Veränderungen. Thomas Schnell ist deshalb bei jedem Einstellungsgespräch persönlich anwesend: „Ich möchte sehen, wer da ins Team kommt, was für ein Mensch das ist und was ihm wichtig ist.“ An diese hauseigene Regel hält er sich eisern.

4. Netzwerkstrukturen statt klassischer Hierarchie

Gerade junge Leute fordern eine Unternehmenskultur, die von flachen Hierarchien, Projektorientierung und Teamgeist geprägt ist. „Das ist schon eine Herausforderung“, findet Schnell. Zwar favorisiere er persönlich diese Einstellung. Doch gebe es im Arbeitsalltag immer wieder Fälle, in denen Projekte nicht funktionierten, weil man auf gleicher Hierarchieebene zu keiner Lösung komme. „In so einem Fall müssten die Kollegen eigentlich aus ihrem alten Denken raus und sachlich ihre Argumente vorbringen. Da sollte es nicht darum gehen, wer am Ende siegt. Sondern wer die besseren Argumente hat und was für den Kunden die beste Lösung ist. Die Kollegen kommen aber nicht immer zu diesem Ergebnis und rufen nach dem Chef. Dabei kann ich die Sache als oberste Instanz auch nicht besser beantworten als jede andere Führungskraft im Haus, also sie selber. Wenn man bereit ist, ein Stück zurückzutreten, zu geben und zu nehmen, dann könnte man noch mehr Hierarchien streichen. Diesen Punkt kann man wohl in allen Unternehmen verbessern, auch bei uns.“

Mitarbeiter Dr. Schnell: Wie Führung 4.0 funktioniert©Hans-Rudolf Schulz

5. Führen und Fordern

Je mehr Freiheit den Beschäftigten künftig geboten wird, umso mehr Eigenverantwortung wird ihnen abverlangt. „Auch das ist nicht einfach und für viele Mitarbeiter eine Umstellung“, weiß der Manager. „Ich gebe den Leuten eine Aufgabe und mische mich nicht mehr bei der Umsetzung ein. Es freut mich, wenn Ideen kommen und ich sagen kann: Großartig, genauso machen wir es!“ Natürlich habe er auch Mitarbeiter, die lieber nach Vorgabe arbeiten. In der Produktion seien solche Stellen auch wichtig. Aber von Führungskräften erwarte er eine hohe Eigenverantwortlichkeit, auch bei den Finanzen: „Ich halte nichts vom Denken in Budgetkästchen, diese bürokratische Sichtweise widerstrebt mir. Lieber überlegen die Mitarbeiter selber, was eine vernünftige Maßnahme aus ihrer Sicht kostet und wir kalkulieren zusammen, ob das zu realisieren ist.“

 

Für die Zukunft ist Thomas Schnell optimistisch: „Die Digitalisierung wird uns die Arbeit und die Kommunikation untereinander erleichtern. Alle sollen sich einbezogen fühlen. Noch haben wir keine wöchentlichen Videobotschaften wie Frau Merkel. Aber warum nicht ein kurzes Update an alle senden, damit jeder weiß, was in der Firma los ist und wohin es geht?“