Artikel veröffentlicht am  23.05.2019

Praktika im europäischen Ausland

„Wir in Europa gehören zusammen"

 

Chancen bieten und den Gemeinschaftsgedanken in der EU stärken: Das ist die Idee hinter „We love Europe“, einem Programm für Praktika in Europa, das Unternehmen jungen Menschen zusammen mit der Bundesagentur für Arbeit anbieten. Hasan Ilhan hat mitgemacht – und neben einer neuen Sicht auf die EU auch seinen Wunsch-Ausbildungsplatz gefunden.

Europaweite Praktika©Lang

Projekt für europaweite Praktika

Als Hasan Ilhan im Sommer 2017 zur Arbeitsagentur geht, hat er keine einfache Zeit hinter sich: Kurz vorm Ziel hat er sein Abitur abgebrochen und ist auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz zum Kaufmann. Doch der Schulabbruch und seine Noten kommen bei den Unternehmen in seiner Heimat Frankfurt nicht gut an. „Meine Noten haben sich zum Ende hin verschlechtert – das war auch der Grund, weshalb ich die Schule verlassen hatte“, sagt der 21-Jährige und nickt verständnisvoll, als er an die Absagen denkt. Frustrierend war es trotzdem.

Aber Ilhan ist niemand, der schnell aufgibt. Er geht jede Woche zur Arbeitsagentur. Seine Betreuerin sieht schnell, dass Potenzial in ihm steckt. „Sie hat mir gesagt, dass es da eine Möglichkeit gibt, an einem Projekt für Auslandspraktika teilzunehmen: ,We love Europe‘“, erinnert sich der junge Mann. Das Programm ist ein Pilotprojekt der Initiative Experiencing Europe, das der Technologiekonzern Continental in Kooperation mit der Bundesagentur für Arbeit umgesetzt hat. „Ich hab sofort zugesagt. Ich dachte, das ist etwas, wo ich mich nochmal beweisen kann.“

Praktikum in zwei EU-Ländern

Das Projekt soll, schreibt Continental auf seiner Webseite, arbeitssuchenden Menschen im Alter von 18 bis 25 Jahren den Zugang zum europäischen Ausland erleichtern und so den Gemeinschaftsgedanken stärken. In zwei zweiwöchigen Praktika in unterschiedlichen Ländern gewinnen die jungen Erwachsenen Einblicke sowohl in die internationale Arbeitswelt als auch in neue Kulturen.

 

Hasan Ilhans Hoffnung ist groß, als er in die Aufnahmetests geht. Logisches Denken, Mathe, Deutsch, Englisch, dazu ein Interview – mit Fragen wie dieser: Wie würde Ilhan handeln, wenn er sich in einem Land unwohl fühlt und mit der Kultur nicht klarkommt? „Das war einfach für mich: Ich habe geantwortet, dass ich es weiter durchziehen würde und mich schon auf die nächsten zwei Wochen im nächsten Land freuen würde.“ Immer das Positive sehen: Das hat ihm schon oft geholfen. So auch diesmal: „Im November war es so weit, und mein Praktikum begann.“

Experiencing Europa bei Continental©Lang

Zusammengehörigkeit in Europa

Es ist das erste Mal, dass Ilhan, damals 20 Jahre alt, ohne Eltern verreist. Er hat sich gewünscht, nach Frankreich zu gehen. Das zweite Auslandpraktikum würde tatsächlich in Rambouillet stattfinden, gerade 50 Kilometer südwestlich von Paris. Sein Los fürs erste Auslandspraktikum führt ihn allerdings ins tschechische Jičín: „Ich hatte Vorurteile: Jičín? Noch nie was davon gehört. Es hätte so schön Prag sein können. Aber als ich da war, habe ich mich total wohlgefühlt: Die Menschen haben eine sehr angenehme Art, sind zuvorkommend und helfen einem bei Fragen immer gut weiter.“

 

Und: Viele sprechen zu Ilhans Überraschung Deutsch. Überhaupt merkt er schnell, dass die Unterschiede zu Deutschland gar nicht so groß sind: „Ich war bis dahin politisch uninteressiert und habe mir nie Gedanken gemacht, wie wichtig die EU eigentlich ist. In Tschechien fahren Busse und Bahnen zum Beispiel genau so strukturiert wie in Deutschland. Ich denke, es liegt auch an gewissen europäischen Standards, dass ich oft gedacht habe ,Das ist ja wie bei uns‘. So habe ich gelernt, dass wir in Europa zusammengehören.“

Durch das Praktikum zum Traumjob©Lang

Durch das Praktikum den Traumjob gefunden

Zusammen mit einem weiteren „We love Europe“-Praktikanten ist Hasan Ilhan in einem Hostel untergebracht, jeder mit eigenem Zimmer und Badezimmer. „Das war richtig Luxus für uns.“ Continental hat neben dem Praktikum auch alles andere organisiert. Im Werk lernen die beiden die Instandhaltung und den Prototypenbau von Bremskraftverstärkern kennen. „Wir haben sogar eigene Bremskraftverstärker gebaut. Meinen Berufswunsch hat das allerdings nicht geändert.“

 

Die zwei Wochen im französischen Continental-Werk erst recht nicht. Hier ist der kaufmännische Bereich Teil des Praktikums. „Im französischen Werk geht es um den Innenbereich der Autos, sei es Tachos oder Multimediasysteme. Jeden Tag waren wir in anderen Abteilungen. Für mich war dann endgültig klar, dass ich mich im Sales-Bereich wohlfühlen werde.“

Mit den Kolleginnen Europa entdecken©Lang

Erfahrungen im Ausland bereiten aufs Leben vor

Im Vergleich zu Tschechien wirkten die Franzosen für Ilhan stärker auf Arbeitsergebnisse fokussiert. „Nicht, dass es in Tschechien extrem locker war. Aber in Frankreich hat man ganz klar gespürt, dass die Arbeit vorgeht.“ Umso entspannter war die Zeit, die er bei der HR-Managerin Sarah Frachet und ihrem Mann in Paris gelebt hat. „Die eine Woche war echt unbeschreiblich. Nach Feierabend sind wir einfach rausgegangen und haben uns ins Café gesetzt oder zu Hause gemeinsam gekocht.“ Unvergesslich sind für ihn die Gespräche: „Sie haben viel von ihren eigenen Erfahrungen gesprochen. Zum Beispiel, wie wichtig es ist, im jungen Alter jede Chance zu nutzen und wirklich viel in der Welt zu sehen. So bin ich später durch die gesammelten Erfahrungen für viele Situationen vorbereitet.“

 

Zurück in Frankfurt ergreift der EU-Praktikant gleich die nächste Chance. Im Feedbackgespräch zu „We love Europe“ erfährt Ilhan, dass die Bewerbungsfrist für einen Ausbildungsplatz zum Kaufmann für Büromanagement noch läuft. Er bewirbt sich, so schnell er kann und wird zum Test eingeladen. „Mitte März letztes Jahr habe ich dann die Zusage bekommen, dass ich im September die Ausbildung anfangen darf. Das war wirklich ein Happy End der ganzen Story.“

Gut vorbereitet für die Arbeitswelt©Lang

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