Artikel veröffentlicht am  20.03.2019

Fünf EU-Mythen: Was ist dran an den Vorurteilen über Europa?

Die EU hat mit vielen Ressentiments zu kämpfen: Ein aufgeblähter Wasserkopf, der uns zu Tode verwaltet, hört man da beispielsweise. Undemokratische Institutionen, die wir mit unseren Steuergeldern finanzieren. Das böse „Brüssel“, das uns aus der Ferne seine kleinlichen Regelungen aufzwingen will. Was ist dran an solchen Vorurteilen? Wir räumen mit fünf Europa-Mythen auf.

Die fünf größten Europa-Mythen©AdobeStock

Mythos 1: Die EU ist ein Bürokratiemonster

Die EU regelt vieles – zu viel meinen manche: Den Feinstaub-Gehalt in der Luft, den Durchmesser von Äpfeln oder die Beschaffenheit einer Pizza Napoletana – maximal vier Zentimeter dünn und 35 Zentimeter im Durchmesser. Die Normen entstehen aber natürlich nicht grundlos. Oft geht die Initiative nicht einmal von der EU-Kommission aus – beim Obst und Gemüse sind es zum Beispiel die Händler, die sich leicht zu verpackende Ware wünschen.

 

In anderen Fällen geht es um Ziele wie den Umwelt- und Datenschutz. Seit 2009 hilft die sogenannte Ökodesign-Richtlinie dabei, den Energie- und Ressourcenverbrauch in der EU zu senken – durch kleine Dinge wie die Nutzung von Energiesparlampen oder die Leistungsbeschränkung von Staubsaugern. Beim Thema Datenschutz gelten seit Mai 2018 in der EU strengere Regeln zum Schutz der Privatsphäre.

 

Die meisten Normen und Regeln sollen also für ein besseres Leben der EU-Bürger sorgen. Trotzdem gibt es natürlich immer noch Möglichkeiten, den Apparat zu entschlacken. Dabei gelobt die EU Besserung: Allein in den Jahren 2007 bis 2014, in denen Edmund Stoiber als oberster Entbürokratisierer der EU-Kommission aktiv war, wurden durch die Vorschläge seiner Gruppe rund 30 Milliarden Euro eingespart.

Mythos 2: Deutschland ist der Zahlmeister der EU

Zwischen 40 und 45 Milliarden Euro wird Deutschland in Zukunft zum EU-Haushalt beisteuern müssen. Davon kommt zwar einiges wieder als EU-Fördermittel zurück, etwa für Landwirtschaft oder Forschungsprogramme. Dennoch war die Bundesrepublik 2017 mit 10,7 Milliarden Euro ein Nettozahler. Größter Empfänger von EU-Zahlungen war Polen mit 8,7 Milliarden Euro. Rechnet man die Summen pro Einwohner, ist Deutschland immer noch zweitgrößter Einzahler (129 Euro) hinter Schweden (139 Euro).

 

Und die Finanzhilfen für Europas Krisenstaaten? Gekostet haben sie Deutschland bisher Zeit und Nerven – aber kein Geld. Jürgen Matthes, Experte für internationale Wirtschaftsordnung am Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln, sagt dazu: „Es sind ja keine Transfers geflossen, sondern nur Kredite. Und Griechenlands Schuldenschnitt 2012 betraf private Gläubiger, auch deutsche Banken, aber nicht direkt unsere Staatsfinanzen.“

 

Letztlich zahlt Deutschland zwar Geld an Brüssel, profitiert aber auch stark von der EU-Mitgliedschaft – als Exportnation beispielsweise besonders durch den freien Warenverkehr. Am Ende ist es eine lohnende Bilanz.

Mythos 3: Der Euro hat alles teurer gemacht

Den Spitznamen hatte er schon direkt mit Einführung bekommen: der „Teuro“. Viele schimpfen auf die europäische Währung, sie habe alles teurer gemacht - und wollen die D-Mark zurück.

 

Warum hängt dem Euro ein schlechtes Image an? Weil das Leben tatsächlich immer teurer wird. Bürger merken das deutlich an den Preisen für Strom, Benzin und manche Lebensmittel. Daran ist aber nicht der Euro schuld, sondern beispielsweise der jahrelange Anstieg der Aktienkurse an den internationalen Rohstoffbörsen, hohe Abgaben etwa für die Ökostromförderung oder der Immobilienboom. An manchen Stellen hilft der Euro sogar, Preise zu senken. Denn er wurde über die Jahre gegenüber dem US-Dollar deutlich aufgewertet und verbilligt so Importe etwa von Elektronikgeräten.

 

Insgesamt ist der Preisanstieg seit Einführung des Euros nicht stärker als zu D-Mark-Zeiten. In den letzten zehn Jahren der D-Mark stiegen die Verbraucherpreise um durchschnittlich 2,2 Prozent, so das Statistische Bundesamt. In den ersten zehn Jahren nach der Euro-Bargeldeinführung lag der Anstieg dagegen nur bei 1,6 Prozent. Der Euro ist also eine stabile Währung.

Mythos 4: Überbezahlte Beamte entscheiden über unsere Köpfe hinweg

Ein beliebter Vorwurf: Die EU-Bürokraten und Institutionen führen auf Kosten der Bürger ein Leben in Saus und Braus. Und Berlin führt aus, was Brüssel bestimmt. Was ist dran an der Kritik?

 

Der gesamte Verwaltungsapparat der EU – inklusive Gehälter, Pensionen und Übersetzungsdienste – kostet rund 9,6 Milliarden Euro. Das Grundgehalt der Kommissionsbeamten startet bei 2.872 Euro brutto monatlich. Nur wenige Spitzenbeamte – zum Beispiel ein Generaldirektor – haben das höchste Grundgehalt von gut 19.000 Euro. Das ist ähnlich viel wie Angela Merkel als Bundeskanzlerin.

 

Inzwischen werden weit über die Hälfte aller neuen Gesetze in Brüssel und Straßburg beschlossen, von der Tabakregulierung bis hin zur gemeinsamen Handelspolitik. Dabei geschieht aber nichts gegen den Willen des Ministerrats, in dem Deutschland als größte und wirtschaftlich stärkste Nation eine starke Position einnimmt und in den vergangenen Jahren selten überstimmt worden ist. Zudem kann die EU ohnehin nur dann Gesetze erlassen, wenn ihr die Mitgliedstaaten nationale Souveränitätsrechte übertragen haben. Das geschieht in der Regel dann, wenn die EU eine Aufgabe effizienter lösen kann als die individuellen Staaten.

 

Fakt ist, dass in Brüssel zwar Gesetze beschlossen werden, aber fast nichts gegen den Willen Berlins geschieht.

Mythos 5: In der EU geht unsere kulturelle Identität verloren

Die regionalen Eigenarten der Länder verschwänden mehr und mehr, weil nur die Wirtschaft zähle, monieren Europa-Kritiker. Dabei war die Union schon immer stolz auf ihre Vielfalt in Sprache, Kultur und Lebensstil, sei es beim Essen, bei Kleidung, Musik oder Architektur.

 

Diese Vielfalt fördert die EU auf unterschiedliche Weise. Schon das Motto der Europäischen Union „In Vielfalt geeint“ drückt das aus. Im „Ausschuss der Regionen“ erhalten auch einzelne Gebiete und Provinzen Gehör auf europäischer Ebene. Bei den Europäischen Tagen des Kulturerbes bekommen einmal im Jahr Menschen Zugang zu Tausenden nur selten geöffneten Kulturstätten. Und ebenfalls jährlich werden zwei europäische Städte zu Europas Kulturhauptstädten gewählt. 2019 tragen das bulgarische Plowdiw und Matera in Süditalien diese Titel.

 

Tipp: Auf einer Website der Europäischen Kommission kann man auf Entdeckungsreise gehen und das europäische Kulturerbe anhand interaktiver Karten und Links zu 50 Millionen Kunstwerken entdecken.

Weitere Inhalte aus dem Themenschwerpunkt #JazuEuropa

Artikel

Europa entdecken

Praktika im europäischen Ausland.

Interview

Sozialer Dialog in Europa

Wie der soziale Dialog auf EU-Ebene funktioniert.

Artikel

Interview mit Ingo Kramer

Warum die deutsche Wirtschaft ein starkes Europa braucht.

Artikel

Chemie-Arbeitgeber sagen Ja zu Europa

Warum wir ein starkes Europa brauchen.

Artikel

10 Vorteile in Europa | Chemie Arbeitgeber

So profitieren Arbeitnehmer von der EU.

Grafik

Chemieunternehmen: Deutschland stark durch EU

Warum die EU für die Branche so wichtig ist.

Artikel

Europawahl einfach erklärt

Wann, wie und wer gewählt wird.

Grafik

Wirtschaftsmächte im Vergleich

Warum die EU-Länder nur gemeinsam stark sind.

Artikel

Bedeutung der Europäischen Union | Chemie...

Politik und Chemiebranche im Gespräch.