Interview veröffentlicht am  21.05.2019

Interessenvertretung der Chemieindustrie in Europa

Katharina Göbel leitet das Europabüro des Bundesarbeitgeberverbands Chemie (BAVC) in Brüssel und ist mit ihrem Team für die internationale und europäische Sozialpolitik verantwortlich. Wie der Dialog der Sozialpartner auf europäischer Ebene funktioniert und warum politische Herausforderungen der chemischen Industrie eine europäische Lösung brauchen, erklärt sie im Gespräch. 

Katharina Göbel im Gespräch©BAVC

Was ist die Aufgabe des BAVC-Europabüros in Brüssel?

Das Europabüro ist für die Interessenvertretung der deutschen Chemie-Arbeitgeber auf europäischer und internationaler Ebene verantwortlich. Auf europäischer Ebene geschieht dies insbesondere durch Kontakte mit den EU-Institutionen und anderen Entscheidungsträgern in Europa. Dafür sammeln und analysieren wir Informationen zu aktuellen Entwicklungen in der europäischen Beschäftigungs-, Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik. Diese stellen wir unseren Mitgliedern zur Verfügung und formulieren unsere Positionen.

 

Wir arbeiten zudem intensiv in der „European Chemical Employers Group“ (ECEG) in Brüssel mit, dem Zusammenschluss von derzeit 18 nationalen Chemie-Arbeitgeberverbänden in Europa. In der EU beinhaltet der soziale Dialog auch Verfahren, bei denen die europäischen Sozialpartner an der politischen Entscheidungsfindung beteiligt sind – branchenübergreifend und „sektoral“, das heißt nur in einer bestimmten Branche.

Wie lässt sich der Dialog der Sozialpartner („sozialer Dialog“) auf europäischer Ebene ausgestalten?

Über den sektoralen sozialen Dialog der europäischen Chemie-Arbeitgeber und -Gewerkschaften können wir gemeinsame Projekte realisieren, die von der EU-Kommission gefördert werden. Ein zentrales Ziel der deutschen Chemie-Arbeitgeber ist es, die Mobilität von Arbeitnehmern innerhalb der EU zu erhöhen, um Fachkräfte für unsere Branche zu gewinnen.

 

Gleichzeitig zum deutschen Fachkräftemangel herrscht in vielen EU-Mitgliedstaaten weiterhin eine hohe Jugendarbeitslosigkeit. Nur 2,6 Prozent der Menschen in Europa sind allerdings bereit, für die Arbeitssuche in ein anderes EU-Land zu ziehen. Um junge Menschen zu mobilisieren und ihnen bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu bieten, ist der persönliche Kontakt ein wichtiger Türöffner. Denn die größten Hemmnisse für Mobilität sind neben sprachlichen Hürden fehlende Erfahrung und Unkenntnis der Arbeitswelt im Ausland sowie des sozialen und kulturellen Kontextes. Das Projekt „Mobility and Mentoring“ der europäischen Chemie-Sozialpartner setzt genau an dieser Stelle an. Wir konnten freiwillige Mentoren aus verschiedenen Arbeitsbereichen der Chemie-Industrie dafür gewinnen, jungen Menschen über ein Online-Portal bei der Stellensuche, der Wohnungssuche oder bei Verwaltungsangelegenheiten zu helfen.

Wie trägt die EU dazu bei, den Herausforderungen der chemischen Industrie besser zu begegnen als es auf rein nationaler Ebene möglich wäre?

Die chemische Industrie ist eine international vernetzte Branche. Wir brauchen offene Märkte! Ein funktionierender Binnenmarkt kann nur über die EU geregelt und gestärkt werden. Er hat seit 1993 über 2,7 Millionen neue Arbeitsplätze geschaffen. Freier Personen-, Waren-, Dienstleistungs- und Kapitalverkehr erleichtert Exporte und Importe deutscher Chemie- und Pharmaunternehmen in die anderen 27 EU-Staaten.

 

Deutschland exportierte 2017 Chemie- und Pharmaprodukte im Wert von über 106 Milliarden € in die EU-Staaten. Das sind mehr als die Hälfte des Gesamtumsatzes der Branche. Die politischen Herausforderungen der chemischen Industrie wie Handelspolitik, Energie- und Klimapolitik oder Digitalisierung, erfordern eine europäische Lösung, wenn wir uns im globalen Wettbewerb behaupten wollen. Deshalb ist es wichtig, dass die EU bei diesen Themen geeint auftritt und sich nicht von strategischen Konkurrenten von außen spalten und damit schwächen lässt.

Sozialer Dialog auf europäischer Ebene©BAVC

Wie hilft eine EU-weite Interessenvertretung den Menschen in der chemischen Industrie bei den Themen attraktive, „grenzenlose“ Arbeitsplätze und passgenaue Qualifikation?

Der BAVC setzt sich hier in Brüssel zusammen mit anderen Arbeitgeberverbänden für einfache und unbürokratische Lösungen im Bereich Arbeitnehmermobilität ein. Aktuelles Beispiel ist die im letzten Jahr verabschiedete Entsende-Richtlinie und die noch nicht verabschiedete Verordnung zur Koordinierung der Systeme der sozialen Sicherheit. Es kann nicht sein, dass die Entsendung eines Mitarbeiters in einem global tätigen Unternehmen innerhalb der EU mehr Verwaltungsaufwand mit sich bringt als die Entsendung in die USA oder nach China! Das droht nun aber mit der Umsetzung der Entsenderichtlinie in nationales Recht. Wir fordern zumindest eine Erleichterung für kürzere Dienstreisen, beispielsweise für Teammeetings, Schulungen oder Konferenzen.


Arbeitnehmerfreizügigkeit ist ein echter Vorteil: Die Menschen können EU-weit ihren Arbeitsort frei wählen, Arbeitgeber können Fachkräfte aus ganz Europa rekrutieren. Die Bedingungen für Arbeitgeber und Arbeitnehmer müssen jedoch verbessert werden, um Talente aus Drittstatten anzuwerben. Wir machen uns außerdem für die Förderung der MINT-Ausbildung stark, werben für das duale Ausbildungssystem und tauschen uns im Rahmen des sozialen Dialogs mit den Chemiearbeitgebern aus anderen Mitgliedstaaten aus.

Welche Rolle spielt das Thema Digitalisierung der Arbeitswelt in Brüssel?

Wir arbeiten momentan über unseren europäischen Dachverband an einem von der EU-Kommission geförderten Sozialpartnerprojekt, gemeinsam mit der europäischen Gewerkschaftsvereinigung industriAll, um Antworten zu finden auf die Frage: Wie verändert sich die Chemie-Arbeitswelt, etwa mit Blick auf Qualifikationsanforderungen, die zeitlichen und räumlichen Bedingungen des Arbeitens oder die Gesundheit der Beschäftigten?

 

Dazu ist kürzlich der Forschungsbericht „Digital transformation in the workplace of the European Chemicals Sector” erschienen. Durchgeführt wurde die Studie von der Prognos AG im Auftrag der europäischen Chemie-Sozialpartner ECEG und industriAll Europe; der BAVC war maßgeblich an Projektplanung und -durchführung beteiligt. Aus der Analyse ergeben sich zahlreiche Gestaltungsfelder für die Chemie-Arbeitswelt 4.0. Bemerkenswert sind besonders der Handlungsdruck beim Thema digitale Kompetenzen und die Bedeutung, die der Tarifpolitik zugeschrieben wird.

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