Artikel veröffentlicht am  18.06.2019

Die größten Risiken für die Chemie-Konjunktur

Die Chemiebranche blickt verhalten auf die wirtschaftliche Entwicklung. In Deutschland und international schwächelt die Industriekonjunktur, was auch die Aussichten der Chemie eintrübt. Für 2019 rechnet der Industrieverband VCI mit einem Produktionsrückgang von 3,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Neben politischen und volkswirtschaftlichen Risiken dämmen auch der Fachkräftemangel und steigende Bürokratielasten die Erwartungen. Eine Auswahl der größten Konjunkturrisiken für die Chemiebranche.

1. Brexit-Chaos

Die Gefahr eines ungeregelten Brexits bleibt bestehen. Weiterhin zu befürchtende Handelshürden wie Zölle und ungleiche Produktrichtlinien in der EU und Großbritannien wären problematisch, schließlich ist Großbritannien ein wichtiger Handelspartner der deutschen Chemie-Industrie: 2018 exportierte sie Produkte im Wert von 10,2 Milliarden Euro auf die Insel und importierte Güter im Wert von 6,0 Milliarden Euro. Besonders enge Handelsbeziehungen nach Großbritannien haben Firmen aus den Bereichen Spezialchemikalien, Petrochemikalien und Pharmazeutika. Hier würden wichtige Lieferketten und die Versorgung mit Vor- und Zwischenprodukten in Frage gestellt.

2. Handelskonflikte

Der Handelskonflikt zwischen den USA und China spitzt sich weiter zu, Peking spricht inzwischen von einem „Wirtschaftskrieg“. Das bremst die Entwicklung weltweit. Wichtige Absatzmärkte für deutsche Chemieprodukte geraten ins Stocken. Und wegen der starken Vernetzung der Wertschöpfungsketten werden als Folge der Zölle, mit denen die Kontrahenten einander überziehen, auch die Produktionskosten der Chemieunternehmen in Deutschland steigen. Hinzu kommen die von den USA angedrohten Zölle auf Automobilimporte aus der EU: Als einer der wichtigsten Zulieferer der Automobilindustrie wäre von ihnen auch die Chemie betroffen, insbesondere die Bereiche Kunststoff, Kautschuk und Lacke. Schon seit Mitte 2018 ist der weltweite Absatz von Autos dabei deutlich rückläufig; dies hat auch zu den Rückgängen der Chemieproduktion beigetragen. Die teilweise erwartete Erholung 2019 ist bisher auch bedingt durch die ungelösten Handelskonflikte so noch nicht eingetreten.

3. Fachkräftemangel

2018 fehlten den deutschen Unternehmen knapp 315.000 Arbeitskräfte im MINT-Bereich. Das IW Köln hat festgestellt, dass in der Hälfte aller Berufe mit besonderer Relevanz für die Chemiebranche Engpässe herrschen. Vergrößert sich diese Lücke weiter, bleiben Stellen unbesetzt und die ohnehin schon rückläufige Produktivität leidet weiter. Ein Lichtblick: Im Ausbildungsbereich ist die Chemiebranche im Gegensatz zu anderen MINT-Branchen gut aufgestellt. Laut Bundesagentur für Arbeit blieben bei ihnen 2018 nur 2,6 Prozent der Ausbildungsplätze unbesetzt.

4. Weltweit schwächelnde Industriekonjunktur

Der Industrieaufschwung der vergangenen Jahre in Deutschland und der Welt ist vorbei, die Produktion ist vielfach rückläufig, die Prognosen sind sehr verhalten. Wenn Kundenindustrien schwächeln, wirkt sich das auch auf die Nachfrage nach Chemieprodukten aus. Momentan spüren das etwa die Betriebe in der Kunststoff- und Lackbranche. Einer ihrer großen Kunden, die Automobilindustrie, hat nach einem schwachen zweiten Halbjahr 2018 weiterhin mit Problemen zu kämpfen. So produzierten deutsche Pkw-Hersteller im April 15 Prozent weniger Autos als noch ein Jahr zuvor.

5. Gefahr einer neuen Schuldenkrise

Die Auswirkungen der jüngsten Staatsschuldenkrise noch im Hinterkopf, sorgen sich Politik und Wirtschaft derzeit um die wachsende Verschuldung Italiens. Absolut gemessen, hat das Land mit rund 2,3 Billionen Euro (2018) den größten Schuldenberg in der EU angehäuft. Das entspricht mehr als 132 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung des Landes. Sorgen bereitet aber nicht nur die Schuldenhöhe, sondern deren rasanter Anstieg: Allein in den vergangenen zehn Jahren ist die Verschuldung um 70 Prozent gewachsen – und die aktuelle Regierung hat weitere Mehrausgaben bei gleichzeitigen Steuersenkungen angekündigt. Deshalb hat die EU-Kommission inzwischen ein Defizitverfahren gegen Italien empfohlen.

6. Schwankender Ölpreis

Erdöl ist einer der wichtigsten Rohstoffe in der Chemieindustrie, entsprechend zentral ist der Ölpreis für die Branche. In den vergangenen zwölf Monaten hat er eine Achterbahnfahrt absolviert: Zwischenzeitlich fiel er von mehr als 85 auf rund 54 Dollar, stieg bis April 2019 wieder auf 75 und lag Anfang Juni bei rund 60 Dollar. Die von den USA verhängten Sanktionen gegen den Iran, Vorfälle auf der wichtigen Exportroute in der Straße von Hormus und die unsichere Lage in Libyen könnten ihn wieder in die Höhe treiben, wodurch die Produktionskosten für die Chemieunternehmen stiegen. In jedem Fall führt der schwankende Ölpreis aber zu Planungsunsicherheit bei den Unternehmen.

7. Regulierung und Bürokratie

Mehr Regulierung, mehr Bürokratie, höhere Kosten – in den vergangenen Jahren wurden mit immer neuen Vorschriften die Flexibilität und die unternehmerische Freiheit beschränkt. Auf dem Arbeitsmarkt genauso wie bei der Produktregulierung. Aktuell droht zum Beispiel der Lacke- und Farbenindustrie ein weiterer Schritt: Diskutiert wird eine neue Kennzeichnungspflicht von Mikroplastiken, 2020 soll außerdem eine neue Meldepflicht an Giftinformationszentren kommen. Eine Studie der EU prognostiziert durch sie eine rund 300-fache Steigerung des Aufwands für Hersteller, was ihnen Kosten in Milliardenhöhe bescheren und ihre Wettbewerbsfähigkeit schädigen könnte. Hinzu kommt die anhaltende Diskussion über die Einstufung des Weißpigments Titandioxid als krebserregend, die weitreichende Folgen für die Branche hätte.

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