FAQ veröffentlicht am  18.06.2019

Die wichtigsten Fragen zur Chemie-Konjunktur

Wie geht es den deutschen Chemie- und Pharmaunternehmen? Wie ist weltweite Situation an den Märkten? Wie dürften sich Produktion, Umsatz und Jobs entwickeln? Die Antworten auf die wichtigsten Fragen zur Chemie-Konjunktur in unserem FAQ.

Wie ist die wirtschaftliche Lage in der Chemie-Industrie?

Seit dem Herbst 2018 befindet sich die chemisch-pharmazeutische Industrie im Rückwärtsgang. In den ersten Monaten 2019 lag die produzierte Menge mehr als 6 Prozent unter dem entsprechenden Wert für 2018. Auch der Umsatz war rund 4 Prozent niedriger. Die Branche steht mitten in einem sehr schwierigen Jahr. Für das Gesamtjahr 2019 wird ein Rückgang der Produktion um mindestens 3,5 Prozent und der Umsätze um 2,5 Prozent erwartet. Dabei ist die Entwicklung sowohl in der chemischen wie auch der pharmazeutischen Industrie negativ.


Das Gesamtjahr 2018 hatte die Branche, trotz des Einbruchs im Herbst, noch mit einem Plus bei allen wichtigen Kennzahlen gegenüber 2017 abgeschlossen. Die Produktion wuchs um 3,6 Prozent, die Preise stiegen um 2 Prozent, die Beschäftigung um 2,1 Prozent auf mehr als 462.000 Mitarbeiter – den höchsten Stand seit 15 Jahren.  Doch die damals erwirtschafteten Zuwächse bei Produktion und Umsatz sind seitdem wieder verloren gegangen.

Wie sind die Aussichten für die Chemie-Konjunktur?

Die Weltkonjunktur scheint zwar intakt; so legte das globale BIP im ersten Quartal 2019 um 0,7 Prozent zu. Tatsächlich resultiert das Wachstum vielerorts aber – wie auch in Deutschland – vor allem aus einer positiven Entwicklung der Dienstleistungsbranchen und der Bauwirtschaft. Die für die Chemie- und Pharmaindustrie wichtige Industriekonjunktur ist vielfach rückläufig. Entsprechend schwach sind die Prognosen für Chemie und Pharma: Der Industrieverband VCI erwartet für das Gesamtjahr 2019 Rückgänge von Produktion (mindestens um 3,5 Prozent) und Umsätzen (um 2,5 Prozent) bei einer leichten Steigerung der Erzeugerpreise.


Die Aussichten für den Heimatmarkt Deutschland sind bescheiden: Das Wachstum der Gesamtwirtschaft beziffern die Wirtschaftsforschungsinstitute auf deutlich unter 1 Prozent. Im für die Chemie entscheidenden Industriesektor erwarten viele Ökonomen sogar Produktionsrückgänge fürs Gesamtjahr. Ähnlich verhalten sieht es im wichtigsten Auslandsmarkt Europa aus. Die Konjunktur in Asien und Amerika wiederum war zuletzt zwar noch robust; die Erwartungen für den weiteren Jahresverlauf sehen aber auch hier eine verhaltenere Entwicklung.

Welche Risiken bestehen für die Chemie- und Pharmaindustrie?

Die Chemieindustrie gilt als sogenannter Frühindikator: Als Lieferant von Vorleistungen macht es sich bei den Branchenunternehmen zuerst bemerkbar, wenn eine Kundenindustrie schwächelt. Seit Mitte 2018 ist das vor allem der Fall beim wichtigen Kunden Automobilindustrie: Die Autobauer mussten ihre Produktion einschränken, unter anderem weil sie Schwierigkeiten mit der Umstellung auf das neue Pkw-Abgastestverfahren WLTP hatten. Auch im ersten Quartal 2019 gingen die Automobilproduktion und der Absatz auf den Kernmärkten China, USA und Europa im Vorjahresvergleich weiter zurück. Abgesehen von der Baubranche kamen auch aus anderen Kundenbranchen zuletzt keine Wachstumsimpulse.


Neben der schwachen Konjunktur der Kundenbranchen sieht sich die Chemie geopolitischen Risiken wie dem Handelsstreit zwischen China und den USA, den weiterhin unklaren Brexit-Folgen und möglichen Auswirkungen der US-Außenpolitik auf den Ölpreis ausgesetzt. Mehr zu den größten Konjunkturrisiken lesen Sie in unserem Überblick. 


Wesentliche Herausforderungen liegen zudem im sich beschleunigenden Strukturwandel, der der Branche und ihren industriellen Kunden in den kommenden Jahren bevorsteht: Klimaschutz, Digitalisierung, Kreislaufwirtschaft oder zum Beispiel die Umstellung auf Elektromobilität verlangen massive zusätzliche Investitionen in neue Geschäftsmodelle, Produkte, Anlagen und die Qualifikation der Beschäftigten. Um die Zukunft der Unternehmen und der Arbeitsplätze zu sichern, müssen hier entsprechende Ressourcen eingesetzt werden.

Wie entwickelt sich der Chemie-Weltmarkt?

Die Wachstumsdynamik in der Chemie- und Pharmaindustrie kam in den letzten Jahren aus Asien, wo knapp 60 Prozent der weltweiten Chemie- und Pharmaumsätze  erzielt werden. China ist nicht nur der mit Abstand größte Verbraucher chemisch-pharmazeutischer Produkte, sondern ist auch zum größten Produzenten aufgestiegen. Die Marktanteile Deutschlands und aller anderen Industrieländer sanken entsprechend. 2001 lagen Deutschland und China noch gleichauf mit 8 Prozent Weltmarktanteil – bis 2017 aber hatte das Reich der Mitte seinen Anteil auf knapp 36 Prozent mehr als vervierfacht, während Deutschland auf gut 4 Prozent zurückfiel. 


Nach Umsatz behauptete Deutschland bis zuletzt Rang 4, hinter China, den USA und Japan. Schwellenländer wie Indien holen aber auf und werden dabei weiterhin nicht zuletzt von niedrigeren Kosten profitieren: So hat beispielsweise Indien in den vergangenen Jahren etablierte Wettbewerber wie Südkorea und Frankreich hinter sich gelassen und seinen Weltmarktanteil auf gut 3 Prozent gesteigert.

Welche Nachteile hat die deutsche Chemie-Industrie im Wettbewerb?

Die globalen Wettbewerber haben Deutschland gegenüber vor allem bei den Kosten und der Regulierung Vorteile. Die politisch gewollten Strompreissteigerungen, angetrieben durch Steuern und Umlagen zur Finanzierung der Energiewende, belasten die energieintensive Chemiebranche besonders. Auch die Arbeitskosten sind in Deutschland so hoch wie an kaum einem anderen Chemiestandort: 2018 betrugen sie mehr als 55 Euro. Unter den bedeutenden Chemiestandorten war nur Belgien mit gut 57 Euro noch etwas teurer. Europäische Wettbewerber wie Italien und Spanien hingegen lagen mehr als 30 Prozent unter dem deutschen Niveau. Und auch die USA (rund 43 Euro) und Japan (rund 35 Euro) sind kostenseitig im Vorteil. 


Besser müssen die Rahmenbedingungen in Deutschland auch im Bereich Infrastruktur werden. So haben Bund und Länder nicht nur die für die transportintensive Chemieindustrie wichtigen Schienen-, Straßen- und Wasserstraßennetze zu lange vernachlässigt. Auch der flächendeckende Breitbandausbau als Lebensader der immer digitaleren Industrie muss besser organisiert und mit Priorität vorangetrieben werden. Gerade kleine und mittlere Unternehmen belastet zudem der nach wie vor hohe bürokratische Aufwand bei Investitionen und Betrieb. 

Welche Vorteile hat die deutsche Chemie-Industrie im Wettbewerb?

Einer der größten Trümpfe der deutschen Chemieindustrie sind gut ausgebildete Mitarbeiter und deren Innovationskraft. Deutschland hat die nach China und den USA drittgrößte Chemie- und Pharmabelegschaft weltweit. Ihre Aufwendungen für Forschung und Entwicklung steigert die Chemie- und Pharmaindustrie seit Jahren stetig und hat 2017 knapp 8,7 Mrd. Euro investiert. Zur Sicherung von Innovationsfähigkeit und Fachkräften tragen auch die gerade in den Naturwissenschaften gut aufgestellten Hochschulen, eine weltweit beispielhafte duale Ausbildung und ein dichtes Netz von Forschungseinrichtungen bei. 


Deutsche Chemieunternehmen haben auch die Chancen von Automatisierung und Digitalisierung früh erkannt und nutzen sie im Wettbewerb. Gleiches gilt für die hohen Umwelt- und Sicherheitsstandards: „Made in Germany“ ist auch in der Chemie ein weltweit anerkannter und gefragter Qualitätsausweis. Ein weiterer Vorteil sind der soziale Friede und die damit verbundene Planungssicherheit für die Unternehmen. Sie sind ein Ergebnis der traditionell verantwortungsvollen Sozialpartnerschaft zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaften.

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