Artikel veröffentlicht am  18.07.2019

Was Chemieunternehmen zur Konjunktur sagen

Welche wirtschaftlichen und politischen Herausforderungen sehen die Chemieunternehmen am Standort Deutschland und weltweit? Was tun sie, um wettbewerbsfähig zu bleiben - und was bedeuten die konjunkturellen Erwartungen für die anstehende Tarifrunde? Wir haben in den Chemie-Chefetagen nachgefragt.

„Als Pharmaunternehmen geht es Sanofi wie vielen anderen Unternehmen in der Branche: Etablierte Produkte, manche davon einst Blockbuster, verlieren ihren Patentschutz und selbst wenn Mengen gehalten werden können, so schrumpfen gleichsam doch die Umsätze und wir müssen in einem stärkeren globalen Wettbewerb bestehen können. Sanofi ist mit neuen Produkten in der Pipeline und im Markt sehr gut für die Zukunft aufgestellt. Aber neue Produkte allein genügen nicht. Neue Geschäftsmodelle müssen her, neue Prozesse und Methoden von der Forschung bis hin zur Produktion am Standort. Die Digitalisierung ist dabei der Schlüssel zur Zukunftsfähigkeit. Dafür müssen wir investieren und unsere Belegschaft fit machen. Mehr als monetäre Aspekte sollte dieses Zukunftsthema die kommenden Tarifverhandlungen prägen.“

 

Oliver Coenenberg, Geschäftsführer Personal und Organisation, Sanofi-Aventis Deutschland

„SÜDWEST stellt Bautenanstrichmittel für den Profi her. Unser Schwerpunkt liegt in Deutschland und Zentraleuropa, wo die Nachfrage für solche Mittel stagniert. Insofern werden wir im Umsatz wohl nur leicht wachsen; das Ergebnis bleibt unter Druck. Dazu tragen auch einige derzeit nicht oder nicht ausreichend geklärte Aufgabenfelder bei: die Diskussionen über Regulierungen in Sachen Titandioxid, Biozide, Mikroplastik und Giftnotrufzentrale. Die möglichen Ergebnisse dieser Debatten bergen für uns zusätzliche Risiken und führen zu erhöhter Planungsunsicherheit. Auch bestimmte Standortfaktoren bremsen uns: Permanent wachsende Personal- und Sachkosten wie auch die genannte Regelungsdichte bedrohen uns Mittelständler. Hinzu kommt die Bewegung von Handwerks- zu akademischen Berufen - das Handwerk hat zu wenig Nachwuchs, was wiederum unsere Absatzmärkte schrumpfen lässt. Wir begegnen den wirtschaftlichen Herausforderungen, indem wir unsere Prozesse permanent optimieren und setzen auf neue Produkte durch Digitalisierung.“

 

Hans-Jörg von Rhade, Geschäftsführer, SÜDWEST Lacke + Farbe

„Bei Merck stehen die Menschen im Mittelpunkt, und das seit 351 Jahren. Deshalb investieren wir in die Zukunft unseres größten Standortes Darmstadt mit seinen mehr als 11.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Seit 2015 haben wir hierfür bereits eine Milliarde Euro in die Hand genommen. Jetzt haben wir zugesagt, bis 2025 eine weitere Milliarde Euro zu investieren - in neue Produktionsanlagen und Forschungslabore, in eine topmoderne digitale Infrastruktur, aber auch und vor allem in das Thema Aus- und Weiterbildung, das uns sehr am Herzen liegt. Dies geht einher mit einer Beschäftigungsgarantie unter dem Dach der Merck KGaA. Wir stehen zu dieser Verantwortung, und das in einer Zeit, die durch eine extrem hohe wirtschaftliche Dynamik und eine Vielzahl geopolitischer Unwägbarkeiten geprägt ist. Umso wichtiger ist es, dass wir kostenseitig Tag für Tag unsere Hausaufgaben machen. Es geht darum, beweglicher zu sein und effizienter zu werden. Denn um es klar zu sagen: Wir befinden uns in einem immer anspruchsvoller werdenden internationalen Standortwettbewerb. Wenn wir hier erfolgreich sein wollen, erfordert das einen dauerhaft hohen Grad an Flexibilität und die Bereitschaft, Strukturen und Prozesse stetig weiter zu entwickeln.“

 

Matthias Bürk, Head of Site Management Darmstadt, Merck

„Das Unternehmen Merz ist global tätig, neben unserem Hauptsitz in Deutschland haben wir eine direkte Präsenz in 28 Ländern. Zusätzlich arbeiten wir mit ausgewählten Vertriebspartnern zusammen, die unsere Produkte in über 90 weiteren Ländern vertreten. Das bedeutet, dass globale politische und wirtschaftliche Entwicklungen direkten Einfluss auf unser Geschäft haben. Das vorhergehende Geschäftsjahr haben wir erfolgreich abgeschlossen und hoffen, diesen Trend im nächsten auch fortzusetzen. Wir beobachten aber sehr genau, dass es Strömungen hin zu einer protektionistischeren globalen Wirtschaftspolitik gibt und dass sich in Teilen der Welt die Konjunktur abschwächt. Als global aufgestelltes Unternehmen konnten wir bisher noch gut auf solche lokalen Entwicklungen reagieren, aber die Herausforderungen sind gewachsen.“

 

Hans-Jörg Bergler, Mitglied der Geschäftsführung, Merz Pharma

„Rund 50 Millionen Euro investiert die InfraLeuna dieses Jahr, um die Infrastruktur des Chemiestandortes Leuna instand zu halten und zu erweitern. Damit schaffen wir die Voraussetzungen, um den bei uns angesiedelten Unternehmen weiteres Wachstum zu ermöglichen. Wir erwarten für die nächsten zwei Jahren Investitionen in Höhe von mehr als 500 Millionen Euro am Standort. So hat das französische Mineralölunternehmen Total angekündigt, 300 Millionen Euro in seine Raffinerie in Leuna zu investieren. Auch der Bau einer Anlage zur Herstellung von Cannabis für medizinische Zwecke ist geplant. Eine günstige und verlässliche Energieversorgung ist dabei für unsere Investoren ein ganz wichtiges Thema.“

 

Dr. Christof Günther, Geschäftsführer, InfraLeuna

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