Artikel veröffentlicht am  29.05.2018

Was Chemie-Standorte besonders macht

Was brauchen Gründer, um sich an einem bestimmten Ort anzusiedeln? Eine gut ausgebaute Wissens- und Verkehrsinfrastruktur, Fachkräfte zu vertretbaren Lohnkosten, freie Büro- und Gewerbeflächen, ein positives Wirtschaftsklima und eine hohe Lebensqualität, zählt das Bonner Institut für Mittelstandsforschung die Standortfaktoren auf. Die meisten dieser Faktoren galten auch schon in der Gründerzeit des 19. Jahrhunderts, wie die Geschichte dreier traditionsreicher Chemieunternehmen zeigt – auch wenn damals statt schnellem Internet ein Anschluss an das „Fernsprechnetz“ wichtig war.

Bayern statt Baden

Als Friedrich Engelhorn, Besitzer einer Leuchtgasfabrik in Mannheim, 1865 die Badische Anilin- und Sodafabrik gründete, wollte er aus seinem Abfallprodukt Steinkohleteer Anilin gewinnen. Anilin ist ein Ausgangsstoff für die blaue Farbe. Das „Badische“ ist zwar bis heute im Namen des Chemiekonzerns BASF enthalten, aber im badischen Mannheim konnte Gründervater Engelhorn dann doch kein Gelände erwerben. So siedelte er seine neue Fabrik am anderen Rheinufer an, im pfälzischen Ludwigshafen, das damals zum Königreich Bayern gehörte. Der erste Telefonanschluss des Königreichs wurde dann übrigens an der Badischen Anilin- und Sodafabrik installiert. Der BASF gelangen mehrere bahnbrechende Entwicklungen, sodass sie schon 1900 die größte Chemiefabrik der Welt war. Spekulanten hätten deswegen die Landpreise in der unmittelbaren Nachbarschaft „auf eine ungerechtfertigte Höhe getrieben“, moniert ein damaliger Geschäftsbericht.

 

Heute verfügt die BASF in Ludwigshafen mit rund 39 000 Beschäftigten auf zehn Quadratkilometern über das weltweit größte zusammenhängende Chemieareal und ist stolz darauf, die Wiege des Verbundkonzepts zu sein. Was schon dem Gründervater vorschwebte, nämlich sämtliche Produktionsstufen an einem Ort zu konzentrieren, wurde nach 1945 vorangetrieben und auch an weiteren BASF-Standorten umgesetzt: Rund 200 Produktionsanlagen, die Energieflüsse und die Logistik sind hier intelligent vernetzt und durch weitverzweigte Rohrleitungen mit einer Länge von 2850 km verbunden. Ein Wissens- und Technologieverbund ergänzt das Konzept.

Schiffstransport und ein Fernsprechanschluss

1876 hatte der junge naturwissenschaftlich interessierte Aachener Kaufmann Fritz Henkel die Idee, ein Waschmittel auf der Basis von Wasserglas, einem Seifenersatz, herzustellen. Sein selbstentwickeltes Bleichsoda machte die Wäsche so weiß und verkaufte sich so gut, dass Henkel & Cie. schon 1878 die Produktion nach Düsseldorf verlegte. In Aachen waren die Platzverhältnisse zu beengt, außerdem gab es keine Anbindung an den Eisenbahn- und Schiffstransport. Am neuen Standort am Rhein war die Verkehrsanbindung gut – und sogar ein Anschluss an das damals revolutionäre Fernsprechnetz möglich. Aber auch innerhalb von Düsseldorf musste der Firmengründer aus Platzmangel zweimal umziehen, so schnell wuchs das Unternehmen.

 

„Schließlich erwarb Fritz Henkel 1899 ein Grundstück im damaligen Vorort Holthausen, das mit einem eigenen Eisenbahnanschluss ausgestattet wurde, einen eigenen Zugang zum Rheinhafen hatte und ausreichend Raum für Erweiterungen bot. Hier befindet sich noch heute der Hauptsitz von Henkel“, sagt Standortleiter Daniel Kleine. „Das zeigt: Henkel ist längst ein internationaler Konzern – Düsseldorf ist aber noch immer unsere Heimat.“ Hier befinden sich die Konzernzentrale mit Forschung und Entwicklung sowie der zweitgrößte Produktionsstandort weltweit mit rund 5900 Mitarbeitern.

 

In Düsseldorf produziert Henkel vor allem Klebstoffe sowie Wasch- und Reinigungsmittel, zum Beispiel die bekannten Marken Pritt, Pattex, Pril und Persil. Kleine: „Der Standort hat sich zudem mittlerweile zu einer Art Industriepark entwickelt, an dem weitere Unternehmen wie zum Beispiel BASF ansässig sind. Die sehr gute Infrastruktur und Verkehrsanbindung, unter anderem durch die gute Autobahnanbindung und den internationalen Flughafen, ist nach wie vor ein wichtiger Standortfaktor für uns. Auch die geografische Lage der Stadt – im Zentrum Europas und in einer der bedeutendsten Industrie- und Wirtschaftsregionen mit zahlreichen Universitäten – spielt eine große Rolle. Darüber hinaus ist Düsseldorf eine Stadt mit hoher Lebensqualität, die damit natürlich auch für (internationale) Fachkräfte attraktiv ist". 

Am Anfang war die Sole-Quelle

Sole-Quelle©Chemiewerk Bad Köstritz

1830 entdeckte der Mineraloge und Bergbauingenieur Karl Friedrich Glenck eine ergiebige Sole-Quelle bei Pöhlitz, Thüringen, und gründete die Saline Heinrichshall, um Speisesalz zu gewinnen. Die Sole begründete dann den Ruf von Bad Köstritz als Kurort, aber sie wurde auch im Chemiewerk Bad Köstritz (CWK) verarbeitet, das 1845 aus der Saline Heinrichshall entstand.

Das älteste deutsche nicht-konzerngebundene Chemieunternehmen hat eine bewegte Geschichte. In der DDR wurde der Schwefelsäureproduzent ein Volkseigener Betrieb, nach der Wende wurde er privatisiert und ist nun ein Familienunternehmen. In den 1990ern entstand in Bad Köstritz ein hochmoderner Industriepark. Heute ist das CWK ein Spezialist vor allem für sogenannte Molekularsiebe (Zeolithe) und Kieselsäureerzeugnisse mit 254 Mitarbeitern und 12 Azubis. Die Zeolithe trocknen zum Beispiel die Luft und speichern Energie in den Geschirrspülern, Kieselsol wird in der Elektronikherstellung verwendet, Kieselgel brauchen die Bierbrauer.

 

Die bei Firmengründung so wichtige Sole versiegte bereits Ende des 19. Jahrhunderts und spielt keine Rolle als Rohstoffquelle mehr. „Eine gute Autobahnanbindung und ein landschaftlich reizvolles Umfeld sind die Standortfaktoren“, sagt Geschäftsführer Lars Böttcher. „Letztlich ist es die Tradition, weshalb wir hier sind.“

Weitere Artikel aus dem Themenschwerpunkt Unser Chemie-Standort

Grafik

Wettbewerbsfähigkeit

So bleibt unser Chemiestandort wettbewerbsfähig.

Artikel

Blick von außen

So attraktiv ist unser Chemiestandort.

Artikel

Standorte im Zeitraffer

Wie sich Chemie-Standorte entwickelt haben.

Artikel

Standortfaktor Infrastruktur

So wichtig ist die Infrastruktur für den Standort.

Interview

Standortfaktor Energie

So wichtig sind die Energiepreise für den Standort.

Interview

Standortfaktor Digitalisierung

Der für die Digitalisierung so wichtige Breitbandausbau stockt. Die Gründe dafür erläutert Dr. Bernd Beckert vom Fraunhofer-Institut im Interview.

Interview

Standortfaktor Ausbildung

Warum Azubis relevant für Unternehmen und den Standort Deutschland sind.

Artikel

Unser Standort im Überblick

Wie Deutschland bei den wesentlichen Faktoren abschneidet.

FAQ

Unsere Antworten zum Standort

Die Positionen der Chemie-Arbeitgeber zu den zentralen Fragen.

Video

Standortfaktor Mitarbeiter

Die Chemie-Mitarbeiter sind entscheidend für den Erfolg der Branche. Was das für die Gehälter, Arbeitskosten und Wettbewerbsfähigkeit bedeutet.

Video

Sozialpartnerschaft

Tarifexperte Dr. Hagen Lesch erklärt, warum eine funktionierende Sozialpartnerschaft ein wichtiger Faktor für den Chemie-Standort Deutschland ist.

Grafik

Standortfaktor Investitionen

So investieren Deutschlands Chemieunternehmen.

Artikel

Industrieakzeptanz

Gelungene Kommunikation als Standortvorteil.