Interview veröffentlicht am  27.03.2018

Standortfaktor Berufsausbildung

Deutschlands Ausbildungssystem gilt weltweit als vorbildlich, und doch suchen immer mehr Firmen erfolglos Azubis. Wie Firmen und der Standort von ihnen profitieren und was zu einem Revival der Ausbildung beitragen könnte: ein Interview mit der Soziologin Sabine Pfeiffer.

Im Ausland wird das deutsche System der dualen Berufsausbildung geschätzt – während im Inland Betriebe zunehmend um Azubis kämpfen müssen. Wie Mitarbeiter, Firmen und der Standort Deutschland von der Ausbildung profitieren, hat uns die Soziologieprofessorin Sabine Pfeiffer von der Universität Erlangen-Nürnberg erklärt. Pfeiffer hat ihre Karriere als Werkzeugmacherin gestartet und forscht heute unter anderem zur Arbeitswelt 4.0. Sie glaubt an ein Revival der Ausbildung und sieht den Ansturm auf die Hochschulen durchaus kritisch.

 

Frau Professor Pfeiffer, das deutsche Ausbildungssystem gilt weltweit als vorbildlich. Immer mehr Länder versuchen, sich das Beste abzugucken. Was sind die Vorteile der dualen Berufsausbildung?
Es ist nicht alleine die frühe Verbindung von Theorie und Praxis. Es ist das berufliche Bildungssystem insgesamt: Wir haben einen starken Forschungspart, der das Ausbildungssystem evaluiert und zu identifizieren hilft, was wo geändert werden muss. Wir haben einen Praxispart, der dabei hilft, Veränderungen in die Fläche auszurollen. Und wir haben eine gut funktionierende Sozialpartnerschaft in diesem Bereich: Es gibt einen Konsens darüber, was Arbeitnehmer und Unternehmen in der beruflichen Ausbildung brauchen. Das ist eine völlig unterschätzte Ressource: Wenn wir in Berufsbildern etwas verändern wollen, wird dazu von Anfang an eine zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern abgestimmte Position gesucht. Das kann man am besten nachvollziehen, wenn man in Arbeitsmärkten unterwegs war, wo das anders ist.


Wie sieht das anderswo denn aus?
Nehmen Sie Italien. Da sind die Bewerbungsmappen dicker, weil die Menschen viel ausführlichere Zeugnisse als bei uns brauchen. Dort wissen die Personaler nicht, was sie erwartet, wenn sie zum Beispiel jemanden mit Produktionsexpertise einstellen. Bei uns gibt es eine ziemlich genaue Vorstellung darüber, welches Profil ein Unternehmen sich einkauft, welches Basiswissen bei einer Bewerbung eines Mechatronikers oder einer Chemikantin besteht.


Also haben Arbeitgeber eine größere Verlässlichkeit.
Genau. Das schafft sowohl fürs Unternehmen als auch für den Beschäftigten eine sehr solide Basis an Planungssicherheit. Vergleichen wir das mit Studiengängen seit der Bologna-Reform: Dort fehlen solche Strukturen, wodurch viele Unternehmen Probleme haben einzuschätzen, was jemand mitbringt. Ich erlebe auch bei meinen Studierenden Ängste, ob sie das gelernt haben, was sie lernen sollten. Sie fragen: Was kommt auf mich zu, wenn ich auf die Praxis stoße? Diese Ängste haben Auszubildende überhaupt nicht. Das ist ein hoher Wert.


Sind diese Vorteile in der Bevölkerung nicht präsent genug? Wir erleben ja einen Run auf die Hochschulen einerseits und Unternehmen, die händeringend Azubi-Nachwuchs suchen andererseits.
Faktisch hat die Politik das Ausbildungssystem lange heruntergeredet. Da wurde zu devot der OECD gefolgt, die in ihren Statistiken lange Zeit die deutsche Art der Berufsausbildung nicht anerkannt und nur unterschieden hat zwischen „kein Abschluss“ und „akademischer Abschluss“. Deshalb hat Deutschland in deren Statistiken schlecht abgeschnitten. Und die Politik hat sich zu einer höheren Akademikerquote bekannt – anstatt zu sagen „Ihr messt falsch.“


Auch wurden zu viele Daten dazu produziert, dass man als Akademiker über den Erwerbsverlauf ein geringeres Risiko hat, arbeitslos zu werden. Das stimmt zwar. Aber nur in die Vergangenheit gerichtet. In den letzten Jahrzehnten waren Akademiker mit ihrem Abschluss „alleiner“ in der Arbeitswelt. Wenn aber heute die Hälfte der Jugendlichen einen akademischen Abschluss anstrebt, verschiebt sich das. Gleichzeitig ist es für Menschen mit beruflichem Abschluss schwieriger geworden, in Betrieben Karriere zu machen.


Der dritte Faktor für diesen Imageschaden sind die oft schlechte Bezahlung und geringe Übernahmequoten in einigen Bereichen der beruflichen Bildung, etwa in der Gastronomie. Das schlägt auf das ganze System zurück.


Wird dieser Ansehens- und Bedeutungsverlust anhalten?
Ich glaube, es könnte einen Rollback geben. In den nächsten Jahren könnten sich wieder mehr junge Leute für eine Ausbildung entscheiden. Erstens weil viele Studiengänge nicht das halten, was sie in Sachen Berufsqualifizierung versprechen, die Unzufriedenheit und die Abbruchquoten sind heute schon hoch. Zweitens erleben wir in vielen anderen Bereichen – gerade in der jungen Generation – eine neue Bedeutung des Praktischen und Konkreten: Vom „FabLab“ bis zu „Do It Yourself“ gibt es eine Wiederentdeckung des Nicht-Virtuellen. Drittens bergen die neuen Technologien die Chance, auch Produktionsarbeit attraktiver zu gestalten – vorausgesetzt, die Digitalisierung wird entsprechend genutzt und nicht nur als reine Rationalisierung umgesetzt. All diese Faktoren könnten zu einem solchen Rollback führen. Allerdings nur, wenn die Durchlässigkeit der beruflichen Aus- und Weiterbildungswege wirklich gelebte Praxis wird – im Betrieb wie in der akademischen Welt. Da haben wir noch Nachholbedarf.


Wie wichtig ist der Azubi für die Betriebswelt, was fachliche und soziale Fähigkeiten angeht?
Wir nennen dieses Bündel an Fähigkeiten „organisationales Arbeitsvermögen“. Gemeint ist damit, dass Menschen, die im echten Betriebsumfeld beruflich Laufen lernen, auch vieles andere lernen, das sie im späteren Berufsleben immer wieder brauchen können. Wir haben das an Langzeitarbeitslosen untersucht: Die, die irgendwann einmal eine berufliche Ausbildung gemacht hatten, taten sich leichter, nach der Arbeitslosigkeit wieder Fuß zu fassen und dort, wo sie angefangen hatten, auch zu bleiben.


Die mit akademischen Abschlüssen sind teils auch in den ersten Arbeitsmarkt zurückgekommen, aber nach wenigen Monaten oft wieder rausgefallen. Was denen unheimlich schwer fiel, weil sie es nie gelernt hatten: sich in eine betriebliche Struktur einzufinden. Ein Gespür für die Unternehmenskultur entwickeln, wie man spricht, wie man sich kleidet, sich hierarchisch einpassen zu können. Das ist der Praxisschock, von dem wir mit Bezug auf Akademiker immer lesen. Das lernt jemand in der Berufsausbildung offenbar, natürlich auch, weil die in einem Lebensalter stattfindet, in dem man prägbar ist. Und das trägt einen dann über das ganze Berufsleben. Diese Fähigkeit, sich an organisationalen Wandel anzupassen, wird angesichts des dynamischen Wandels in der Arbeitswelt immer wichtiger – und die berufliche Ausbildung legt sie besonders gut an.


Und auch die Anforderungen, was das Praktische angeht, werden durch die Digitalisierung ja noch steigen.
Nicht umsonst sind in den letzten Jahren die dualen Studiengänge sehr populär geworden: wegen des stärkeren Praxisbezugs. Was aber dort nicht eingebaut ist: Wie kriege ich die neusten Inhalte aus der Praxis hinein? In der akademischen Welt kommt „das Neue“ immer aus der Forschung – das ist gut, wenn ich akademischen Nachwuchs ausbilden will. Für den Transfer aus dem Arbeitsmarkt, aus der Betriebswelt fehlen wirksame Mechanismen.


Frage ich in Interviews nach den Veränderungen für Facharbeiter durch die Industrie 4.0, kommt trotzdem sehr schnell: Wenn es mehr IT wird, wird es irgendwie abstrakter. Und wenn es abstrakter wird, ist der Akademiker die bessere Wahl.


Und? Stimmt das?
Ich halte es für Quatsch. Wir sehen empirisch, dass gerade Innovation dann geschieht, wenn Menschen beides können, das Konkrete und das Abstrakte. Je digitaler alles wird, desto wichtiger sind Kompetenzen, die beides zusammenbringen können. Und das ist die Idee der Berufsausbildung. Die Innovationsfähigkeit Deutschlands speist sich zum ganz großen Teil aus dieser besonderen Stärke, dass die Praxis bei uns immer schon Theorieanteile hatte.


Sehen Sie in anderen Ländern Nachahmungstendenzen? Muss Deutschland aufpassen, sich auch weiterhin mit diesem Vorteil zu behaupten?
Nachahmungstendenzen gibt es. Aber da das Gesamtsystem sehr voraussetzungsreich ist, glaube ich nicht, dass es anderen Ländern gelingt, das schnell aufzubauen. Was gelingen kann: dass einzelne Unternehmen ihren eigenen Fachkräftebedarf im Ausland durch eine Art Schmalspurausbildung abdecken.


Das sollte uns aber nicht dazu verleiten, dass wir uns zurücklehnen. Es ist ein gutes System, das wir aber weiterhin modernisieren und für Unternehmen und junge Menschen gleichermaßen attraktiv halten sollten. Fährt es uns erstmal an die Wand, bekämen wir es nicht so schnell wieder aufgebaut.


Ist das Ausbildungssystem schnell und flexibel genug, auch die Veränderungen durch die Digitalisierung abzubilden? Oder tun sich da Volkswirtschaften leichter, die vielleicht gar kein System haben und einfach mal machen?
Im Gegenteil. Die letzten Jahre haben das in Bezug auf Industrie 4.0 ja gezeigt. Zum Beispiel ist in Deutschland 2009 in kürzester Zeit das Berufsbild Produktionstechnologe entstanden. Auch wenn sich das durchaus noch weiter verbreiten dürfte. Zugleich ist es aber auch eine Stärke unseres Systems, dass wir bestehende Berufsbilder wie den Chemikanten öffnen und neue Inhalte andocken können. Diese Agilität liegt daran, wie eingespielt die Akteure miteinander sind. Warum wir immer davon reden, wie langsam das System sei, ist mir ein Rätsel. Die Hochschulen sind sehr viel träger im Reagieren auf Außenanforderungen – oder überhaupt im Wahrnehmen des Neuen.

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