Interview veröffentlicht am  17.04.2018

Standortfaktor Digitalisierung

Beckert©Fraunhofer ISIFranz Wamhof

Um im internationalen Wettbewerb mithalten zu können, muss die Chemiebranche auf die digitale Transformation setzen. Die Voraussetzung dafür ist der flächendeckende Ausbau eines Breitbandnetzes, der aktuell nur schleppend vorangeht. Warum dies so ist und welche Hindernisse bestehen, erklärt Dr. Bernd Beckert vom Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung im Interview.

Kann Deutschland Digitalisierung? Noch befinden wir uns auf der Kriechspur, obwohl die Industrie so dringend wie noch nie auf das schnelle Internet angewiesen ist. Die Betriebe stehen unter enormem Druck: Um im internationalen Wettbewerb mithalten zu können, müssen sie auf Industrie 4.0 setzen, die digitale Transformation und Vernetzung von Unternehmen und Kunden, Produktion und Produkten. Und Unmengen an Daten schnell verarbeiten. Das ist bisher nur ein Wunschtraum: „Mit unseren geringeren Bandbreiten kommen wir beim Internet der Dinge sicherlich nicht durch und beim industriefähigen Internet schon gar nicht“, sagt Dr. Bernd Beckert, stellvertretender Leiter des Competence Centers Neue Technologien im Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung (ISI) in Karlsruhe.

 

Zwar will die Politik nun endlich Gas geben beim Netzausbau. Union und SPD wollen allen Bürgern den Anspruch auf einen Breitbandanschluss ab dem Jahr 2025 festschreiben. Was aber steckt hinter den großen Worten? Wie sieht es in der Realität aus und welche Hindernisse bestehen?

Herr Beckert, wie stark hinkt Deutschland in Sachen Internetgeschwindigkeit anderen Ländern hinterher?
Bernd Beckert: Das muss man differenzieren. Die mittleren Breitbandbereiche, also 20 bis 30 Megabit pro Sekunde, haben in den letzten Jahren sehr gut aufgeholt. Zwar gibt es immer noch ein paar Lücken, aber im europäischen Ranking befinden wir uns damit im Mittelfeld. Wenn es allerdings um die echten Gigabitnetze geht, also um Glasfaser und Bandbreiten über 50 Megabit pro Sekunde, da sieht es ganz düster aus. Hier sind wir im internationalen Kontext weit abgeschlagen.

 

Wir haben also ruckelnde Internetvideos, stockende Uploads und ländliche Gemeinden gänzlich ohne Breitbandanschluss.
Beckert: Das ist die digitale Realität in Deutschland. Bei der Versorgung mit Glasfaseranschlüssen belegen wir im OECD-Vergleich Platz 28 von 32. Trotzdem sind wir mit Blick auf die aktuell bestehende Nachfrage der Kunden mit 30 bis 50 Megabit pro Sekunde noch in einem ganz guten Bereich. Und es ist genau das, was Telekom, Vodafone oder andere Kommunikationsanbieter in der Regel schaffen. Jedenfalls wenn man gute Voraussetzungen hat, also nicht zu lange Leitungen und eine überschaubare Entfernung zum nächsten Verteilerkasten. Dann schafft man diese Leistung mit dem sogenannten Vektoring.

 

Vektoring ist eine Technologie, die das über Kupferkabel bezogene Internet beschleunigt. Wird dies künftig nicht mehr ausreichen?
Beckert: Genau. Es ist kurzsichtig zu sagen, wer braucht eigentlich mehr Leistung als 50 Megabit pro Sekunde? Es ist unbestritten, dass die Bandbreite in den nächsten Jahren weit darüber hinausgehen muss, für Instrumente wie Cloud-Computing oder Industrie-4.0-Anwendungen. Das sehen wir bereits in anderen Ländern. Die Ausbaustrategie darauf auszurichten, welche Nachfrage wir heute haben, ist falsch, besonders aus der Innovationsperspektive: Wir wissen, dass sich überall da, wo Glasfaser – und damit Bandbreite im Überfluss – verfügbar ist, etwas entwickelt. Wenn man sich keine Gedanken über Kapazität und Echtzeit machen muss, also eine nahezu verzugsfreie Kommunikation zwischen Sender und Empfänger, entsteht eine aktive Startup-Szene im digitalen Bereich. Es führt also kein Weg daran vorbei, die Glasfaser überall verfügbar zu machen.

 

Wieso geht der Glasfaserausbau in Deutschland nicht voran? Es heißt ja zum Beispiel, es fehlten Kapazitäten im Tiefbau.
Beckert: Das wird allgemein befürchtet, aber ich sehe die Probleme an anderer Stelle. Es ist ja nicht so, dass Deutschland binnen eines Jahres mit Glasfaser komplett verkabelt sein soll. Es ist eher ein evolutionärer Prozess. Zusammen mit der Bertelsmann-Stiftung haben wir in einer Studie untersucht, wie andere Länder das Problem anpacken. Wie gehen zum Beispiel Schweden oder die Schweiz vor? Welche ihrer Erfolgsstrategien können wir für uns verwenden? In Estland profitieren bereits 73 Prozent der Haushalte von direkt verfügbaren Glasfaserverbindungen, in Schweden 56, in Spanien 53 und in der Schweiz 27 Prozent. In Deutschland hingegen gilt das für lediglich 6,6 Prozent der Haushalte. Im ländlichen Bereich beträgt die Abdeckung mit Glasfaserleitungen gerade einmal 1,4 Prozent.

 

Es gibt eine Reihe von Gründen, warum der Ausbau in Deutschland seit Jahren nicht vorankommt. Dazu zählen vorrangig unambitionierte Ziele der Politiker, eine fehlende gesamtstaatliche Strategie sowie unkoordinierte Förderprogramme. Und es fehlt der Mut, konsequent auf Glasfasertechnologien zu setzen. Im neuen Koalitionsvertrag gibt es jetzt endlich Zielstellungen der großen Koalition, die ich als positives Signal werte. So will man zum Beispiel kommunale Unternehmen, also die Stadtwerke, stärker motivieren, eigene Netze auszubauen.

 

Dabei brüstet sich die Telekom doch immer damit, wie viel sie für den Ausbau tut und führt darüber sogar einen Blog (https://www.telekom.com/de/blog).
Beckert: Das klingt zwar alles gut, reicht aber nicht aus. Bisher gibt es große Lücken beim Angebot, etwa in ländlichen Gebieten. Dort sind die Anschlusskosten für die Netzbetreiber am höchsten und dadurch wenig lukrativ. Es wäre besser, wenn die Kommunen künftig die Glasfasernetze ausbauen und an Netzbetreiber vermieten würden. Also an Serviceprovider, an Telekom, Vodafone, an regionale kommerzielle Dienste, die sich auf diesem Netzwerk Konkurrenz machen können. In Schweden werden Glasfasernetze nach dem Open-Access-Network-Ansatz vorangetrieben. Dabei wird das Netz in kommunaler Regie aufgebaut und dann von verschiedenen Anbietern gegen Entgelt genutzt. Weil keine kurzfristigen Profite erwirtschaftet werden müssen, entsteht Wettbewerb auf der Dienste-Ebene. Und auf der Infrastrukturebene kann währenddessen langfristig geplant werden.

 

Das Modell scheint gut zu funktionieren, weil die Kommunen einen anderen Zeithorizont zur Refinanzierung ihrer Netzinvestitionen haben als Telekom oder Vodafone. Bei denen muss sich eine Investition ins Netz innerhalb von fünf Jahren refinanzieren. Bei den Kommunen ist das anders – die können in viel längeren Dimensionen denken und planen. Allein schon die lokale Wirtschaftsförderung müsste daran ein herausragendes Interesse haben: Denn schnelles Internet ist für Firmen und Bürger ein entscheidender Standortfaktor.

 

Also ist Glasfaser die einzige Lösung und die Kommunen müssen das anpacken?
Beckert: Technisch gesehen auf jeden Fall. Glasfaser ist eine ausgereifte Technologie, sie ist leicht zu verlegen und es gibt bereits Geräte und Werkzeuge dafür. Dazu jede Menge Wissen, wie man mit kniffeligen Dingen umgeht, zum Beispiel wie man die in den Glasfasern geführten Lichtstrahlen um die Ecke verlegt. Leider hat die Politik dieser zukunftsfähigen Technologie keine Priorität eingeräumt. Das war in allen Ländern, die wir im Rahmen der Studie betrachtet haben, anders. Dort gab es immer einen sehr ambitionierten Breitbandplan, dort gab es Vorgaben, dort gab es ein Ministerium, das sich ganz dezidiert damit beschäftigt hat.

 

Jetzt kommt zwar die große Koalition, aber kein Digitalministerium.
Beckert: Das, was ich im Koalitionsvertrag zum Breitbandausbau lese, macht trotzdem Mut. Es geht in die richtige Richtung, langsam wird es „Glasfaser first“. Allerdings – wenn der Staat schon so viel Geld zur Finanzierung des Breitbandprojekts einplant, wäre es wichtig, dass nur noch Glasfaser verwendet werden darf – und zwar bis direkt in die Haushalte und nicht nur bis zum nächsten Verteilerkasten. Gut finde ich, dass mittels Open Access der Wettbewerb zwischen den einzelnen Akteuren auf dem Markt – Netzbetreiber, Provider, Stadtwerke und so weiter – angeheizt werden soll. Und es soll einen rechtlichen Anspruch auf hohe Bandbreiten geben. Davon halte ich zwar nicht so viel, aber das zeigt, dass zumindest in die richtige Richtung gedacht wird. Derzeit fehlt der Drive, die Priorität, die man dem Thema geben müsste.

 

Liegt es am Geld? Eine deutschlandweite Verlegung von Glasfaser würde Schätzungen zufolge rund 80 Milliarden Euro kosten.
Beckert: Eine Milliarde mehr oder weniger ist nicht kriegsentscheidend. Wichtiger ist, dem Thema Breitbandausbau endlich Priorität einzuräumen. Der Staat muss alle Telekommunikationsdienstleister und Netzbetreiber an einen Tisch bringen. Und auch den Regulierer, die Bundesnetzagentur. Ziel muss es sein, Doppelverlegungen zu vermeiden und alle Regionen mit Glasfaser zu erschließen, auch die ländlichen Gebiete. Die Schweiz hat das bereits getan. Dort gibt es Runde Tische, an denen unter staatlicher Moderation der Ausbau der Glasfasernetze koordiniert wird.

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