Artikel veröffentlicht am  26.04.2018

Standortfaktor Industrieakzeptanz: So stimmt die Chemie

Ob bei Currenta in Dormagen am Rhein, im Chemiepark Knapsack in Hürth bei Köln oder im sächsischen Böhlen beim Dow-Werk – meist funktioniert die enge Nachbarschaft von Chemie-Produktion und Wohnen gut. In unserer Reportage zeigen wir, was die Unternehmen leisten, damit die Chemie zwischen Stadt, Bürgern und Standort stimmt.

Wie Chemiebetriebe den Dialog mit ihren Nachbarn führen

Zum Rathaus geht man nur ein paar Minuten. Um die Ecke liegt die Fußgängerzone mit Bankfilialen, Discountern und Drogeriemärkten. Hier schlägt das Herz von Dormagen. Und hier hat der Chemiepark sein Nachbarschaftsbüro „Chempunkt“. Kein Pförtner und keine Anmeldung – einfach reingehen und sein Anliegen loswerden.

 

„Das senkt die Hemmschwelle“, sagt Jobst Wierich, der das Büro leitet. „Wir wollen Gesicht, Stimme und Ohr vom Chempark sein. Je näher wir an den Menschen sind, desto früher können wir mögliche Probleme ausräumen.“ Für den Chempark-Betreiber Currenta pflegt Wierich den Kontakt zu den Dormagenern, zu Politik und Verwaltung, Kindern und Jugendlichen, Karnevals- und Sportvereinen, Caritas und Feuerwehr. Die Chemie soll stimmen zwischen der Stadt und dem früheren Bayer-Werk.

© Currenta

Beim Chempark-Tag zur Kindergesundheit dürfen die Kids gesund toben © Currenta

Ob in Dormagen am Rhein, im Chemiestandort Hürth bei Köln oder im sächsischen Böhlen beim Dow-Werk – meist funktioniert die enge Nachbarschaft von Chemie-Produktion und Wohnen gut. Doch selbstverständlich ist das in Zeiten von Umweltaktivisten und Bürgerinitiativen nicht mehr.

 

„Die Unternehmen müssen sich heute mehr anstrengen, um akzeptiert zu werden“, erklärt Professor Hans J. Lietzmann, der an der Universität Wuppertal Bürgerbeteiligung erforscht. „Die Gesellschaft hat sich verändert. Machten früher 15 Prozent eines Jahrgangs Abitur, sind es heute gut 50 Prozent. Die Bürger sind besser ausgebildet. Und sie können sich im Internet umfassend informieren. Mit diesem Wissen wollen sie mitreden.“

 

Und ernst genommen werden. Wer den Kontakt zum Bürger erst suche, wenn es um den Bau einer Fabrik gehe, der agiere zu spät, warnt der Professor. Deshalb sind Wierich und sein Team ständig für die Bürger da. „Ob ein unangenehmer Geruch oder ein störendes Geräusch, wir schaffen binnen eines Tages eine Klärung.“ Dazu finden Events statt: Rauchmelder- und Gesundheitstag, Weinseminar, Schulranzen-Spende an Abc-Schützen, Verkehrserziehung und Ausbildungs-Beratung. Alles im Bürgerbüro.

© Currenta

Im Bürgerbüro finden regelmäßig Events wie die Schulranzen-Spende statt © Currenta

Wenn dann ein Anlagen-Um- oder -Neubau ansteht, gibt es kein Fremdeln. „Wir legen die Genehmigungsunterlagen hier im Büro zur Einsicht aus, informieren über Presse und Soziale Medien, beantworten Bürgerfragen“, berichtet Wierich. „Und wir erklären den Leuten auf Fahrten ins Werk und bei Anlagenbesichtigungen, was wir vorhaben.“ Wie etwa jüngst beim Umbau einer Sonderabfallverbrennungsanlage. So gebe es kaum Einwendungen zu Projekten im Industriepark mit seinen 9400 Beschäftigten.

Gelungene Kommunikation als Standortvorteil

Nicht viel anders sieht es im 35 Kilometer entfernten Chemiepark Knapsack aus, der in Hürth bei Köln 2200 Mitarbeiter zählt. Wie in Dormagen stimmt hier die Chemie zwischen Stadt, Bürgern und Standort. Für Thomas Kuhlow, Kommunikationschef des Standort-Betreibers InfraServ Knapsack, ist das ein klarer Standortvorteil: „Jeder Monat, den eine Genehmigung wegen Einwendern länger dauert, kostet richtig Geld.“


Wenn gewünscht, managt ein erfahrenes Team des Dienstleisters die Behördenarbeit für die Betriebe. Es holt Genehmigungen oft in weniger als einem Jahr herein. Das überzeugte die Manager von Bayer. Konzernintern setzte sich der Chemiepark daher im Wettbewerb um eine Anlage für ein Pflanzenschutz-Vorprodukt durch – gegen Standorte in Indien, China, Südamerika.


Die Basis dafür legt ständige Kommunikation. Ein Standort-Magazin informiert regelmäßig über Neues. Alle paar Wochen besucht ein Mitarbeiter von InfraServ Knapsack einen Anwohner zum Kaffeeplausch über Stadt und Industriepark. Zweimal im Jahr lädt der Dienstleister Nachbarn zu Besichtigungen und Gesprächen mit Betriebsleitern ein. Rund um die Uhr können die Leute ihre Sorgen beim Bürgertelefon loswerden. Oder sie sprechen einfach einen Mitarbeiter beim Einkauf oder Sport an. Kuhlow: „Die Kollegen sind unsere besten Botschafter.“

© InfraServ GmbH & Co. Knapsack KG

Zu Besuch bei den Nachbarn Sophie und Matthias Burchardt © InfraServ GmbH & Co. Knapsack KG

Immer ein offenes Ohr für Bürgersorgen

Ein anderes Konzept verfolgt der US-Konzern Dow. Er setzt an seinen Standorten auf Bürgerkontaktgruppen. Im Werk Böhlen (550 Mitarbeiter), wo Rohbenzin aufgetrennt wird, treffen sich 18 Anwohner viermal im Jahr mit Firmenvertretern, besprechen Anliegen, schauen sich Betriebe an.


„Anfangs war ich skeptisch“, berichtet Lothar Kapitza, schon seit 20 Jahren Sprecher des Gremiums. „Dass die Zusammenarbeit so gut wird, hätte ich nicht gedacht.“ So beschaffte der Konzern für eine Anlage Schalldämpfer und schaltete Geruchsquellen aus. Und wenn mal über die Fackel Abgase verbrannt werden müssen, Kapitza erfährt es sofort. „Wir können fast zu jeder Tageszeit im Werk anrufen, wir finden immer ein offenes Ohr“, sagt er.

© Dow Deutschland Anlagengesellschaft mbH

Besuch der Bürgerkontaktgruppe in der Produktion in Böhlen © Dow Deutschland Anlagengesellschaft mbH

Wer so ein Verhältnis zur benachbarten Chemieanlage hat, lässt sich leichter für Bauvorhaben gewinnen. Zumal, wie eine neue Umfrage des Chemieverbands VCI zeigt, 74 Prozent der Deutschen die Branche „überwiegend positiv“ sehen.

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