Artikel veröffentlicht am  23.05.2018

Standortfaktor Infrastruktur

„Die Bedingungen sind nahezu optimal“, schwärmt Ralf Irmert, Geschäftsführer von Trinseo Deutschland, über den Unternehmensstandort. Warum der Synthesekautschuk-Hersteller seine Pilotanlage in Schkopau errichtet hat und wie die Infrastruktur zu einem entscheidenden Standortvorteil wird, erklären wir in unserer Reportage.

Rückblende: Ende Februar 2018 ist es bitterkalt. Der Winter hat Mitteldeutschland im eisigen Griff. Auch im beheizten Festzelt auf dem Betriebsgelände von Trinseo in Schkopau – ein Unternehmen mit mehr als 500 Mitarbeitern in Sachsen-Anhalt – sind die Temperaturen eher ungemütlich. Umso warmherziger werden die Worte von Ministerpräsident Reiner Haseloff aufgenommen: „Innovationen sind die Grundlage für weiteres Wachstum, das wir dringend brauchen, um die positive Wirtschaftsentwicklung im Land fortzusetzen.“ Anlass für Haseloffs Freude und Lob ist neben einer Kapazitätserweiterung der Fertigung des Herstellers von Synthesekautschuk die Einweihung einer Pilotanlage.

Das begehrte Produkt aus Schkopau – sogenannter Lösungs-Styrol-Butadien-Kautschuk (S-SBR) – wird zum größten Teil an Reifenhersteller verkauft. 60 bis 70 Prozent in Europa, der Rest in den USA und in Asien. Mit dem Material können etwa zwei Millionen Reifen jährlich produziert werden. S-SBR wird in der Lauffläche von Reifen verwendet, senkt den Spritverbrauch um etwa 10 Prozent, spart somit enorme Mengen an Sprit und damit CO2-Emissionen. Und hier in Schkopau sollen die Materialien der nächsten Generationen entwickelt und bis in den Tonnenmaßstab hergestellt werden, damit die Produzenten mit den neusten S-SBR-Formulierungen reale Reifentests durchführen können.

©Wiegand Sturm

Und noch einen gewaltigen Vorzug besitzt die Pilotanlage: „Die Zeit von der ersten Idee über die Entwicklung im Labor bis hin zur industriellen Fertigung eines neuen Materials verkürzt sich mit dieser Investition erheblich“, berichtet Ralf Irmert, Geschäftsführer von Trinseo Deutschland. „Wir mussten einfach investieren, der Wettbewerb schläft nicht.“ Früher sei eine neue Kautschuksorte, einmal entwickelt, 20 Jahre unverändert am Markt verkauft worden. Das gehe heute nicht mehr, der Produkt- und Entwicklungszyklus habe rapide Tempo aufgenommen. Und: „Man muss zudem eine Vorstellung davon haben, wie das Produkt in drei, vier, fünf Jahren aussieht“, so Irmert. Die industrielle Pilotanlage sei für diesen Zweck „die Kirsche auf der Torte“.

„Die Bedingungen sind nahezu optimal“

Inklusive des zehnköpfigen Teams in der Pilotanlage arbeiten knapp 15 Prozent der Belegschaft in und für die Abteilung Forschung und Entwicklung. Warum hat der international breit aufgestellte Konzern ausgerechnet in Schkopau investiert? „Die Bedingungen sind nahezu optimal“, weiß Irmert. Zum einen wird hier seit über 80 Jahren Synthesekautschuk hergestellt, 1936/37 erstmals weltweit im industriellen Maßstab. In so langer Zeit sammelt sich eine ordentliche Masse an Know-how an. Andererseits gilt: „Kautschuk ist ein ziemlich komplexes Produkt“, betont Irmert. „Wenn ich sicherstellen will, dass ein Pilotanlagenprodukt einfach und rasch in die Produktion überführt werden kann, muss ich sicherstellen, dass die Rohstoffe, Chemikalien und Voraussetzungen identisch denen in der Großanlage sind. Das vereinfacht das Arbeiten ungemein.“

©Wiegand Sturm

Die Standortentscheidung war auch deshalb unstrittig, weil die Pilotanlage von den Synergien des Werks lebt. Die ganze Infrastruktur in Schkopau ist auf die Synthesekautschuk- und Kunststoff-Herstellung ausgerichtet. Ob das nun die Versorgung mit Medien, Energie, Lösungsmitteln, Chemikalien betrifft oder die der Grundrohstoffe Butadien und Styrol. Letztere kommen per Pipeline aus dem rund 40 Kilometer entfernten Böhlen, wo Dow Chemical – aus dessen Geschäftsfeldern Latex, Synthesekautschuk und Kunststoffe Trinseo 2010 gegründet wurde – einen Cracker betreibt. Und natürlich, auch Transport und Logistik sind hier eingeschliffen, bewähren sich seit Jahrzehnten.

„Die Infrastruktur ist ganz klar ein Standortvorteil“

Der Trinseo-Standort Schkopau, der von Dow betriebene sogenannte ValuePark, ist ein leistungsstarker Chemiepark für Kunststoffproduzenten, kunststoffverarbeitende Unternehmen und chemienahe Dienstleister. Heute sind hier 21 nationale und internationale Unternehmen angesiedelt. „Dow als Standortbetreiber versorgt alle bestens, wir haben hier nur Vorteile“, unterstreicht Irmert. Durch den Chemiepark sind für alle die anteiligen Kosten niedriger, als wenn sie auf der grünen Wiese alleine arbeiten würden. „Die Infrastruktur ist ganz klar ein Standortvorteil“, so der Geschäftsführer. Kein Wunder, dass sich Trinseo mittlerweile zum größten Produzenten hier entwickelt hat, die meisten Mitarbeiter in der Produktion beschäftigt.

Apropos, gibt es bei Trinseo in Schkopau ein Fachkräfteproblem? Irmert schüttelt den Kopf. Er hat den Überblick, engagiert sich auch in der IHK zu Leipzig sowie Halle-Dessau: „Wenn so gut wie in der Chemie bezahlt wird, dann ist der Mangel noch nicht spürbar.“ Aber in einigen Jahren wird es aufgrund der Demografie ernst. Deshalb hat Trinseo Schkopau in Summe 30 Azubis und macht sich, wie Irmert das formuliert, „Gedanken darüber, wie wir die Arbeitsplätze attraktiver machen können“. Kleineren Schwierigkeiten, Hochschulabsolventen zu gewinnen, wird mit Kooperationen begegnet.

©Wiegand Sturm

Partnerschaften – für Forschungsprojekte und für Mitarbeitergewinnung – gibt es zum Beispiel mit der FH Merseburg, den Chemiefakultäten der Unis in Halle/Saale, Leipzig und Dresden. Auch die außeruniversitäre Forschungslandschaft ist etwa mit dem Kunststoffzentrum in Leipzig und diversen Fraunhofer-Instituten – darunter beispielsweise das Fraunhofer-Pilotanlagenzentrum für Polymersynthese und -verarbeitung direkt im ValuePark – gut. Wo nötig, sucht und findet man Partner außerhalb der Region.

Planungssicherheit erhöht die Attraktivität des Standorts

In den kommenden Jahren steht zudem das Thema Digitalisierung ins Haus. „In der Summe ist die chemische Industrie schon sehr weit“, erklärt Irmert, „elektronische Leitsysteme, die digitalisierte Steuerung der Anlagen, Messwert- und Labordatenerfassung sind schon lange Alltag“. Im nächsten Schritt gelte es, eine intensive Vernetzung der Daten zu Analysezwecken zu entwickeln. Zudem geht Trinseo in einem globalen Projekt über die nächsten zwei bis drei Jahre die Digitalisierung der Geschäftsprozesse an. Von Bestellungen bis zum Liefern, vom Planungsvorgang einer neuen Anlage bis hin zur Rechnungslegung.

Mit der materiellen Infrastruktur ist Ralf Irmert zufrieden, sie ermöglicht eine gute weitere Entwicklung. Kritischer sieht er das politische Umfeld. Die chemische Industrie in Gänze benötige mehr Planungssicherheit. „Wir planen unsere Geschäfts- und Produktentwicklung in Zeiträumen von fünf bis zehn Jahren. In Sachen Steuern, Energiekosten, Regularien für Industrie können wir uns aber nur für die nächsten zwei bis drei Jahre sicher fühlen.“ Ein Mehr an Planungssicherheit wäre ein Stück Zukunftssicherung für die Industrie und böte auch eine höhere Attraktivität für Investoren.

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