Artikel veröffentlicht am  27.03.2018

Unser Standort im Überblick

Wie steht die deutsche Chemie- und Pharmaindustrie im globalen Wettbewerb da? Wir analysieren, was den Standort Deutschland belastet und womit er punkten kann.

 

Die deutsche Chemie- und Pharmaindustrie steht momentan hervorragend da. Das Jahr 2017 brachte ihr mehr Produktion, mehr Umsatz und mehr Beschäftigung. Und dieses Jahr soll es weiter aufwärts gehen. „Die Branche hat momentan Rückenwind“, sagt Utz Tillmann, Hauptgeschäftsführer des Verbands der Chemischen Industrie (VCI) in Frankfurt.

 

Zugleich mahnt er: „Unsere Wettbewerber in China, Indien und anderen südostasiatischen Schwellenländern haben technisch und wissenschaftlich aufgeschlossen. Nun streben sie die Führung im globalen Technologiewettlauf an.“ Deshalb brauche jetzt der Breitbandausbau Anschub durch die Politik. Nötig seien zudem bezahlbarer Strom und eine mutige Forschungsförderung. Grund, wichtige Standortfaktoren zu analysieren: Wie steht die Chemie im globalen Wettbewerb da? Hier die Fakten.

Teurer Strom ist ein großes Manko für deutsche Chemiebetriebe. Sie zahlen im internationalen Vergleich mit die höchsten Preise. Der Grund: die kostspielige Förderung der Energie aus Wind, Sonne und Co. Sie wird laut dem Erneuerbare-Energien-Gesetz auf den Strompreis umgelegt. Alles in allem zahlen Betriebe und Verbraucher dafür dieses Jahr 23,8 Milliarden Euro. Zwar sind besonders energieintensive Betriebe davon befreit, nicht aber das Gros der Firmen. Angesichts von Plänen der Politik für einen stärkeren Ausbau erneuerbarer Energien fordert die Branche dringend eine alternative Finanzierung für künftige Anlagen.

Für Gas bezahlen deutsche und europäische Betriebe mehr als doppelt so viel wie ihre US-Wettbewerber. Die profitieren vom Boom der Erdgasförderung: Das umstrittene Fracking hat in Nordamerika zu einem starken Preisrückgang geführt. Noch mehr als in Europa kostet der Energieträger in Japan, weil der Inselstaat überwiegend das teurere Flüssiggas importiert. Erdgas ist für die Chemieindustrie übrigens doppelt wichtig. Damit erzeugen die Betriebe Wärme und Strom. Und sie nutzen es als Grundstoff zum Gewinnen von Chemikalien.

Radikal verändert hat sich der Weltmarkt für Chemieprodukte. „Teilten sich noch 1995 Europa, die USA und Japan das globale Geschäft auf, dominiert heute Asien“, berichtet der Chemieverband. 57 Prozent des weltweiten Branchenumsatzes machen heute asiatische Länder und ihre Unternehmen. Allein China kommt auf 37 Prozent. Der Anteil der deutschen Chemieindustrie hat sich dagegen in den vergangenen zwei Jahrzehnten halbiert.

Der Wettbewerb dürfte noch schärfer werden. China investiert enorme Summen in neue Chemieanlagen, „weit mehr als andere große Chemienationen“, schreiben Statistiker des Branchenverbands VCI. In Indien stecken Unternehmen ebenso verstärkt Geld in neue Fabriken. Und auch in den Vereinigten Staaten wurde in den vergangenen Jahren wieder mehr investiert, weil Fracking billiges Erdgas liefert und die Investitionen rentabel macht.

Auch beim Wettlauf um Innovationen macht China Boden gut. Die Top-Erfindernationen sind allerdings nach wie vor die USA, Deutschland und Japan. Sie melden beim Europäischen Patentamt in München die meisten Patente an, auch im Bereich Chemie und Pharmazie. Übrigens: 11 Prozent der Branchenbeschäftigten tüfteln täglich an neuen Produkten. Und 11 Milliarden Euro stecken die Unternehmen pro Jahr in Forschung und Entwicklung (Stand 2016). Damit liegt die Branche auf Platz drei hinter der Auto- und der Elektroindustrie.

Das Ringen um Vorsprung durch Innovationen ist wichtig. Denn: „Eine Arbeitsstunde kostet in Deutschland deutlich mehr als in fast allen Konkurrenzländern“, berichtet der Bundesarbeitgeberverband Chemie in Wiesbaden. „Nur Belgien ist teurer.“ EU-Nach¬barländer hingegen können mit deutlich niedrigeren Arbeitskosten kalkulieren, ebenso die Betriebe in den USA und Japan. Unter „Arbeitskosten“ wird hierbei mehr verstanden als der normale Stundenlohn: Enthalten sind darin neben dem eigentlichen Entgelt Sozialversicherungsbeiträge, Urlaubsgeld, Sonderzahlungen sowie Zuschüsse der Firma zur Altersvorsorge.

Im weltweiten Wettbewerb gilt: Wer produktiver ist, ist konkurrenzfähiger. Messen kann man das anhand der Lohnstückkosten. Um sie zu ermitteln, werden die Lohnkosten durch die Menge produzierter Einheiten geteilt. Auch bei dieser Kennziffer schneiden deutsche Unternehmen nicht so gut ab: Im aktuellen Ranking des IW Köln rangierte das Verarbeitende Gewerbe auf Platz vier, nur in Großbritannien, Italien und Frankreich waren die Lohnstückkosten noch höher. In der Chemieindustrie haben sie sich in den letzten zehn Jahren sogar um ein Fünftel erhöht.

Und wie sieht es bei Bürokratie und Verwaltung aus? Amerikanische und britische Firmen haben es da leichter, sagt die Weltbank. Ihre Experten bewerten jedes Jahr für 190 Staaten elf Gebiete geschäftlichen Handelns: Wie leicht kann man ein Unternehmen gründen? Wie einfach erhält man eine Baugenehmigung? Wie gut und schnell arbeitet die Verwaltung? Wie verlässlich ist das Rechtssystem? 43 000 Mitarbeiter aus aller Welt liefern dafür Daten zu. Heraus kommen ein Indexwert und ein Ranking. Deutschland liegt hier aktuell auf Platz 20.

Bröckelnde Autobahnbrücken, sanierungsreife Fernstraßen – Deutschland will in den nächsten Jahren Milliarden in die Infrastruktur investieren. Das ist auch nötig. Im internationalen Infrastrukturvergleich des Weltwirtschaftsforums in Genf ist Deutschland seit 2008 von Platz drei auf Rang zehn zurückgefallen. Die Genfer Experten bewerten regelmäßig die Infrastruktur von mehr als 130 Staaten der Welt mit einem Indexwert von eins bis sieben. Ein Wert von sieben ist spitze, einer von eins sehr schlecht. Deutschland kommt aktuell noch auf den Wert sechs. Die beste Infrastruktur haben demnach Hongkong, Singapur und die Niederlande. Vor allem bei den Datenautobahnen fürs Internet hinkt Deutschland hinterher.

Ein Pluspunkt im internationalen Wettbewerb ist dagegen, dass hierzulande relativ wenig gestreikt wird. Im Durchschnitt der Jahre 2007 bis 2016 gingen in Deutschland nur sieben Arbeitstage je 1000 Arbeitnehmer durch Streiks verloren. In Frankreich waren es 123 Tage, in Spanien 59, in Großbritannien 24. „Tendenziell ist die Zahl der Ausfalltage durch Tarifstreiks in fast allen Ländern rückläufig“, berichtet Tarifexperte Hagen Lesch vom IW Köln. Allerdings gebe es in manchen Staaten wieder mehr politische Streiks. Die deutsche Chemieindustrie kommt bereits seit 1971 ohne Streiks aus.

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