FAQ veröffentlicht am  27.03.2018

Unsere Antworten zum Standort

Wie steht Deutschlands Chemieindustrie im globalen Wettbewerb da? Welche Faktoren machen uns stark, welche bremsen uns? Die Antworten der Chemie-Arbeitgeber.

Die wirtschaftliche Lage der deutschen Chemie- und Pharmaindustrie ist robust. 2017 haben die Firmen mit einem Plus bei Produktion und Umsatz von 2,9 bzw. 6,1 Prozent im Vergleich zu 2016 abgeschlossen. Auch die Mitarbeiterzahl stieg um 1,2 Prozent. Antreiber der wirtschaftlichen Entwicklung ist die gute Industriekonjunktur in Deutschland – aber vor allem in den wichtigen Exportmärkten im EU-Ausland, Asien und Amerika. Dass die deutschen Chemieunternehmen ihren Auslandsumsatz stärker steigern konnten als jenen im Inland (+6,6 Prozent gegenüber +5 Prozent) zeigt, wie gefragt ihre Produkte und ihr Knowhow auf den Weltmärkten sind. Die Prognosen für 2018 lassen auf eine Fortsetzung des Wachstums hoffen.

Allerdings könnte eine Abschottung z.B. des US-Markts ebenso negative Folgen haben wie Pläne der großen Koalition, die die Kosten für die Chemieunternehmen steigern und ihre Wettbewerbsfähigkeit mindern könnten.

China ist mit Abstand zum größten Chemie- und Pharmaproduzenten der Welt aufgestiegen. Das ging einher mit sinkenden Marktanteilen nicht nur Deutschlands, sondern aller Industrieländer. 2001 lagen Deutschland und China noch gleichauf mit 8 Prozent Weltmarktanteil – seitdem aber hat das Reich der Mitte seinen Anteil auf mehr als 37 Prozent vervierfacht, während Deutschland auf gut 4 Prozent (2016) zurückfiel. Nach Umsatz erreichte Deutschland 2016 Rang 4, hinter China, den USA und Japan. Schwellenländer wie Indien und Saudi-Arabien holen auf und haben durch massive Investitionen zum Beispiel in petrochemische Anlagen ihre Wettbewerbsfähigkeit zuletzt ausgebaut. Das könnte sich in steigenden Marktanteilen niederschlagen, zumal in Asien die dynamischsten Absatzmärkte liegen.

Einer der größten Trümpfe der deutschen Chemieindustrie sind ihre Mitarbeiter und deren Innovationskraft. Die gerade in den Naturwissenschaften gut aufgestellten Hochschulen, eine weltweit beispielhafte duale Ausbildung und ein dichtes Netz von Forschungseinrichtungen sichern den qualifizierten Fachkräftenachwuchs sowie wichtige Innovationsimpulse. Deutsche Chemieunternehmen haben auch die Chancen von Automatisierung und Digitalisierung früh erkannt und nutzen sie im Wettbewerb. Gleiches gilt für die hohen Umwelt- und Sicherheitsstandards: „Made in Germany“ ist auch in der Chemie ein weltweit anerkannter und gefragter Qualitätsausweis. Ein weiterer Vorteil sind der soziale Friede und die damit verbundene Planungssicherheit für die Unternehmen. Sie sind das Ergebnis der traditionell guten Sozialpartnerschaft zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaften.

Die globalen Wettbewerber haben Deutschland gegenüber vor allem bei den Kosten und der Regulierung Vorteile. Die politisch gewollten Strompreissteigerungen, angetrieben durch die steigende EEG-Umlage, belasten die energieintensive Chemiebranche besonders. Auch die Arbeitskosten sind in Deutschland so hoch wie an kaum einem anderen Chemiestandort. Besser müssen die Rahmenbedingungen im Bereich Infrastruktur werden. So haben Bund und Länder nicht nur die für die transportintensive Chemieindustrie wichtigen Schienen-, Straßen- und Wasserstraßennetze zu lange vernachlässigt. Auch der flächendeckende Breitbandausbau als Lebensader der immer digitaleren Industrie muss besser organisiert und mit Priorität vorangetrieben werden. Gerade kleine und mittlere Unternehmen belastet zudem der nach wie vor hohe bürokratische Aufwand bei Investitionen, etwa wenn es um Neubauten geht. Nur eine zukunftsfähige Infrastruktur und ein innovationsfreundliches Umfeld auch für neue Technologien werden dazu führen, dass die Unternehmen weiterhin am Standort Deutschland investieren.

Viele Vorhaben der großen Koalition könnten die Flexibilität der Unternehmen einschränken, ihre Kostenbelastung steigern – und dadurch ihre Position im Wettbewerb verschlechtern. Änderungen bei den Regeln für Befristungen sowie ein Rückkehrrecht aus Teil- in Vollzeit erschweren die Personalplanung der Unternehmen. Sie erzeugen bürokratischen Aufwand und nehmen den Unternehmen zugleich die Möglichkeit, ihren Mitarbeiterbedarf flexibel an die Nachfrage anzupassen. Angesichts eines durch die Digitalisierung immer schnelleren und individuelleren Auftragseingangs ist das ein schlechtes Signal, zumal Kunden sich immer leichter mit globalen Wettbewerbern vernetzen können, die häufig flexibler sind. Zum Wettbewerbsfaktor dürfte auch die vereinbarte Rückkehr zur paritätischen Finanzierung der Krankenkassenbeiträge werden: Diese wird die ohnehin hohen Arbeitskosten ab 2019 weiter steigen lassen.

Ein Lichtblick im Koalitionsvertrag sind die geplanten „Experimentierräume“ im Arbeitszeitgesetz. Tarifgebundene Unternehmen können darin individuelle, zukunftsträchtige Arbeitsmodelle für die digitalisierte Chemieindustrie erproben. So könnten Lösungen mit branchenweitem Vorbildcharakter entstehen, von denen der Chemiestandort insgesamt profitiert.

Die ausführliche Bewertung des Koalitionsvertrags finden Sie hier.

Die Digitalisierung wird das Arbeiten in der Chemie- und Pharmaindustrie verändern, sie wird Menschen, Produkte und Systeme innerhalb eines Werks, aber auch über Werks- und Ländergrenzen hinweg noch enger vernetzen. Für den Chemiestandort Deutschland ist das zunächst eine Chance. Unternehmen können ihre ohnehin automatisierten Fertigungsprozesse noch stärker an Maschinen delegieren. Mitarbeiter würden so von Routinetätigkeiten entlastet und hätten mehr Zeit für kreatives, innovatives und wertschöpfendes Arbeiten. In Labors entstünden durch schnellere Rechner und Anwendungen wie Virtual- und Augmented Reality neue Möglichkeiten bei der Simulation und Durchführung von Versuchen. Auch können die Unternehmen individuellere Produkte in kleineren Mengen wirtschaftlich fertigen.

Davon können allerdings alle Chemiestandorte profitieren, die rechtzeitig in die technische Infrastruktur investieren und ihre Mitarbeiter entsprechend qualifizieren. Hier geht es also buchstäblich darum, nicht den Anschluss zu verlieren und den flächendeckenden Breitbandausbau voranzutreiben. Wettbewerber wie Südkorea sind da deutlich weiter. Was die Qualifizierung angeht, profitiert hingegen Deutschland von seinem System der dualen Berufsausbildung sowie der Sozialpartnerschaft in der Chemie: In zahlreichen Projekten werden neue Technologien und Prozesse genutzt, ob in der Ausbildung, der Produktion oder im Labor. Mehr dazu lesen Sie in unserem Themenschwerpunkt „Arbeiten 4.0“.
 

Die Arbeitskosten in der deutschen Chemieindustrie sind die zweithöchsten weltweit. 2016 kostete die Arbeitsstunde hierzulande knapp 54 Euro – nur Belgien war mit knapp 58 Euro teurer. Traditionelle Wettbewerber wie die USA und Japan lagen bei gut 41 bzw. knapp 37 Euro, aufstrebende Konkurrenten in Osteuropa wie Polen bei kaum 10 Euro. Ähnlich sieht es bei den Energiekosten aus: Die Megawattstunde Strom kostete die deutsche Industrie im zweiten Quartal 2017 rund 127 Euro, genauso viel wie in Japan, aber mehr als doppelt so viel wie in den USA. Dabei ist der Marktpreis für Strom in den vergangenen Jahren gefallen – die Preissteigerungen sind also alleine auf das Abgaben-Plus durch die EEG-Umlage zurückzuführen. Solche Eingriffe schwächen die Wettbewerbsposition Deutschlands.

Die Kehrseite der hohen Arbeitskosten sind die attraktiven Löhne in der deutschen Chemie: 2016 verdiente ein Beschäftigter in Vollzeit durchschnittlich 66.200 Euro brutto – ein Topwert im Vergleich der großen Industriebranchen, der das hohe Qualifikationsniveau und die Wertschöpfung reflektiert, die die Mitarbeiter in Deutschland erbringen. Bei der weiteren Lohnentwicklung wird es darauf ankommen, die Mitarbeiter am Branchenerfolg zu beteiligen, ohne die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen zu gefährden. Das könnte der Fall sein, wenn die Löhne stärker steigen als die Produktivität, die Unternehmen also nicht so viel zusätzlich erwirtschaften wie sie zusätzlich verteilen müssen.

Die Politik wiederum ist gefragt, die Arbeitskosten nicht unnötig in die Höhe zu treiben durch Pläne wie die Rückkehr zur paritätischen Finanzierung der gesetzlichen Krankenversicherung. Nötig ist zudem eine Reform der Finanzierung der Energiewende, die nicht wie die EEG-Umlage die Industrie unverhältnismäßig belastet.

Die Absatzmärkte haben sich in den vergangenen Jahren nach Asien und besonders China verschoben. Der China-Boom hat dazu geführt, dass deutsche Unternehmen verstärkt direkt vor Ort investieren, um mit Knowhow und Produkten präsent zu sein und Arbeits- und Transportkosten zu sparen. Einen ähnlichen Kosteneffekt könnte die Steuerreform in den USA haben, die es für Unternehmen finanziell attraktiver macht, dort zu forschen und Werke aufzubauen. Abzuwarten bleibt, wie weit die US-Regierung ihre Pläne zur wirtschaftlichen Abschottung durch Zölle treibt. Sollten diese auf chemische Produkte erhoben werden, könnte das die Abwanderungstendenzen Richtung USA verstärken. Hinzu kommt die Digitalisierung: Zwar profitiert die Chemieindustrie in Deutschland von ihren Erfahrungen in der Automatisierung und dem rechtzeitig angestoßenen Wandel ihrer Berufsbilder. Andere Länder haben aber einen Vorsprung bei der schnellen und zuverlässigen Breitbandversorgung – der technischen Basis für mehr digitale Vernetzung und digitales Wachstum.

Der Arbeitgeberverband BAVC und die Gewerkschaft IG BCE haben in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder Instrumente entwickelt und genutzt, um die Beschäftigung zu sichern und den Standort Deutschland zukunftsfähig zu machen. Die Chemieindustrie hat als erste Branche des Verarbeitenden Gewerbes flexible Arbeitsmodelle wie Telearbeit und (Alters-)Teilzeit tarifvertraglich umgesetzt sowie betriebliche Differenzierungen bei Arbeitszeit und Entgelt ermöglicht. Mit der Digitalisierung der Arbeitswelt und ihren Folgen für die Chemie befassen die Sozialpartner sich seit 2016 im Dialog „WORK@industry4.0“. Sie wollen darin Ideen entwickeln, wie Unternehmen und Mitarbeiter die Chancen der Digitalisierung bestmöglich nutzen können. Gemeinsam mit dem Branchenverband VCI haben die Sozialpartner zudem die Initiative Chemie3 gestartet, die Nachhaltigkeit als Leitbild in der chemischen Industrie verankern will – und somit auch als Argument im globalen Wettbewerb.

Besonders greifbar wird die Rolle der Sozialpartner für die Standortsicherung aber in Tarifverhandlungen über Lohnsteigerungen: Arbeitgeber und Gewerkschaft müssen hier einen Verteilungskonflikt regeln, der die Mitarbeiter angemessen am wirtschaftlichen Erfolg der Unternehmen beteiligt, die Unternehmen aber nicht zu sehr belastet und ihre preisliche Wettbewerbsfähigkeit erhält.
 

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