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Tarifrunde: Chemie-Konjunktur im roten Bereich

Die Konjunktur dreht ins Minus, die Weltwirtschaft schwächt sich ab, Handelskonflikte sowie Brexit-Sorgen belasten die Märkte und die Nachfrage wichtiger Abnehmerindustrien geht zurück: Mit diesem Ballast startet die Chemie in die Tarifrunde 2019. Die Aussichten auf eine schnelle Besserung sind schlecht. Die Fakten:

Große Abhängigkeit vom Welthandel

In den Jahren des Aufschwungs war die Exportstärke das dicke Plus der deutschen Wirtschaft. Der hohe Anteil an Wertschöpfung, der in den Export geht, sorgte für Wachstum, Wohlstand und steigende Löhne. In der Krise wird das nun zum Bumerang: Wenn immer mehr Handelskonflikte den Welthandel ausbremsen, spürt das die deutsche Wirtschaft deutlich stärker als die Ökonomien Frankreichs, Japans, der USA oder Chinas.

 

Übrigens: Die Anteile der nationalen Wertschöpfung für den Export am jeweiligen Bruttoinlandsprodukt wurden von der Industriestaaten-Organisation OECD ermittelt; in sie fließen nur die Produkte und Komponenten ein, die im jeweiligen Land gefertigt werden, nicht aber aus dem Ausland zugelieferte Teile.

Stärkster Produktionsrückgang seit Langem

Die Chemie spürt das Abflauen des Welthandels sofort. Schrumpft die exportorientierte deutsche Autoproduktion, wird rund um den Globus weniger gebaut oder konsumiert, müssen die Anlagen der Branche gedrosselt werden. Im ersten Halbjahr ging die Produktion der chemisch-pharmazeutischen Industrie deshalb um deutliche 7,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr zurück. Im gesamten Jahr wird ein Minus von 6 Prozent erwartet – der heftigste Rückgang seit der Krise 2008/2009.

Lohnstückkosten schießen in die Höhe

Hinzu kommt: Weil die Produktion schrumpft, die Beschäftigung in der Chemie aber leicht zunahm, legten die Lohnstückkosten zuletzt zu, seit Januar 2018 um 20 Prozent. Die Kennziffer der Lohnstückkosten gibt an, wie viel Lohn die Herstellung einer Produkteinheit kostet. Sie gilt als Indikator für die Wettbewerbsfähigkeit von Betrieben und Branchen. Wer als Produzent erfolgreich sein will, sollte möglichst viele Güter zu möglichst geringen Kosten herstellen. Die Wettbewerbsfähigkeit der Chemie hat sich also verschlechtert. Deshalb kommt es jetzt auf Kostendisziplin an.

Bei Arbeitskosten kaum noch wettbewerbsfähig

Kostendisziplin ist auch nötig, weil Deutschland im internationalen Vergleich zu den teuersten Chemie-Standorten zählt. 55,18 Euro kostete die Stunde Arbeit hierzulande. Von zum Teil deutlich günstigeren Arbeitskosten profitieren wichtige Wettbewerber auf dem Weltmarkt, wie etwa die USA mit einem Kostenvorteil von 22 Prozent oder Japan mit 37 Prozent. Auch italienische, britische und spanische Chemiefirmen haben klare Wettbewerbsvorteile.

Das Geschäftsklima ist kräftig abgekühlt

Tarifabschlüsse werden für die Zukunft gemacht. Die sieht aktuell alles andere als rosig aus. Der renommierte Geschäftsklima-Index des Münchner ifo Instituts sackte für die Chemie- und Pharmabranche im August ins Minus und damit auf den niedrigsten Stand seit der globalen Wirtschaftskrise vor zehn Jahren. Eine Mehrzahl der für den Frühindikator befragten Unternehmen schätzt nicht nur die aktuelle Lage schlecht ein, sie erwartet auch eine weitere Verschlechterung in den nächsten sechs Monaten.

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