Interview veröffentlicht am  03.09.2019

"Mehr Flexibilität statt mehr Freizeit"

Es soll ein großer Schritt Richtung Zukunft werden: In der Tarifrunde 2018 hatten IG BCE und BAVC eine „Roadmap Arbeit 4.0“ vereinbart, in der sie die Herausforderungen der digitalen Arbeitswelt gemeinsam angehen und die Tarifverträge weiterentwickeln wollen. Petra Lindemann, als BAVC-Geschäftsführerin zuständig für die Bereiche Tarifpolitik, Arbeitsrecht und Arbeitsmarkt, gibt Einblick in den bisherigen Verlauf der Gespräche.

Ergebnisse der laufenden Gespräche zur „Roadmap Arbeit 4.0“ sollen zum Ende der Laufzeit des aktuellen Tarifvertrags vorliegen, also Ende Oktober 2019. So lautet ihr gemeinsames Ziel mit der IG BCE. Wie ist der Stand?

 

Bislang haben sich die verantwortlichen Kommissionen viermal getroffen, um über die Themen Arbeitsvolumen, Arbeitszeitsouveränität und mobiles Arbeiten zu diskutieren. Vor diesen Treffen mit der IG BCE hatten wir zunächst bei unseren Mitgliedsunternehmen Feedback eingesammelt. Wir wollten wissen, welche Instrumente sie schon heute nutzen. Schließlich starten wir nicht bei null: Schon heute bieten unsere Tarifverträge flexible Arbeitszeitmodelle, Regelungen über Langzeitkonten und lebensphasenorientierte Arbeitszeiten. Das schafft Flexibilität für Betriebe und Beschäftigte. Gibt es Änderungsbedarf, wollen wir die bestehenden Instrumente anpassen. Und sofern etwas Neues entwickelt wird, muss es einfach umsetzbar sein. Denn genau das fordern unsere Unternehmen – sie wollen keine bürokratischen Monster, sondern „Plug and Play“, also Instrumente, die man unkompliziert einführen und nutzen kann. Darüber haben wir ein gemeinsames Verständnis mit der IG BCE und führen unsere Gespräche auf dieser Basis. Unsere Ergebnisse sollen dann in die bevorstehenden Tarifverhandlungen einfließen.

 

Die Chemieindustrie pflegt seit Jahrzehnten eine enge und vertrauensvolle Sozialpartnerschaft. Wie war die Diskussion über die Roadmap bislang?

 

Wir pflegen in der Tat eine vertrauensvolle Sozialpartnerschaft. Das heißt aber nicht, dass wir nicht streiten. In den laufenden Gesprächen geschieht dies teilweise sogar sehr heftig – etwa was den Wunsch der Gewerkschaft nach bezahlter Freistellung als Wahloption betrifft. Weiter kommen wir da nur, wenn für unsere Unternehmen ein Ausgleich für das ausfallende Arbeitsvolumen sichergestellt wird, mit gleichwertig qualifizierten Mitarbeitern. Es hilft ja nichts, einen Büromitarbeiter mit freien Kapazitäten zu haben, wenn in der Produktion Schichten unbesetzt sind. Hier sind wir noch weit auseinander.

„Chemie-Konjunktur spielt entscheidende Rolle“

Beeinflusst die konjunkturelle Entwicklung die laufenden Gespräche?

 

Natürlich spielt das die entscheidende Rolle. Die Herausforderungen, vor denen wir stehen, sind immens – etwa mit Blick auf die die Digitalisierung der Arbeitswelt. Jetzt rutschen auch noch Produktion und Umsätze in der Chemie im laufenden Jahr deutlich ins Minus. Klar ist, an jedem Element, das wir im Rahmen unserer Gespräche behandeln, hängt ein Preisschild:

 

  • Nehmen wir etwa den Zukunftsbetrag von 1.000 Euro pro Mitarbeiter und Jahr, den die IG BCE fordert: Er allein bedeutet zusammengerechnet eine tabellenwirksame Lohnerhöhung von 1,8 Prozent.

  • Hinzu kommen 0,6 Prozent für die tarifliche Pflegezusatzversicherung, die von der IG BCE auch gefordert wird, obwohl sie nicht Teil der Roadmap ist. Das macht zusammen schon eine Belastung von 2,4 Prozent.

  • Obendrauf soll dann noch eine Entgelterhöhung oberhalb der Inflationsrate von aktuell 1,6 Prozent kommen.

Das werden unsere Unternehmen nicht mitmachen. In der aktuellen wirtschaftlichen Situation dürfen die Arbeitskosten nicht steigen.

 

Den Beschäftigten soll mehr Souveränität bei den Arbeitszeiten eingeräumt werden. Ist das realistisch, nicht zuletzt mit Blick auf das betriebliche Arbeitsvolumen?

 

Souveränität ist nicht gleichbedeutend mit mehr Freizeit. Flexibel zu arbeiten heißt vielmehr, anders zu arbeiten. Nur wenn das nötige Arbeitsvolumen sichergestellt ist, kann es eine Freistellung geben – das ist die Prämisse. Am Ende muss die Arbeit gemacht werden. Wenn Kunden unzufrieden sind, nutzt dem Arbeitnehmer mehr Souveränität auch nicht viel. Was konkret machbar ist, kann nur auf betrieblicher Ebene geregelt werden, durch die Betriebsparteien.

 

… zumal es in der Chemie ja eben schon einige richtungweisende Vereinbarungen gibt, etwa für mehr zeitliche Gestaltungsfreiheit der Beschäftigten.

 

Ja, dazu gibt es bereits Langzeitkonten und individuelle Flexi-Konten. Und der Tarifvertrag Lebensarbeitszeit und Demografie ermöglicht auch lebensphasenorientierte Arbeitszeiten. Demnach kann etwa in einer Betreuungs- oder Pflegephase kürzer gearbeitet werden, bei einem Entgeltausgleich. Immer gilt: Bei uns bildet der Tarifvertrag einen Rahmen, aus dem sich die Betriebsparteien jene Elemente herausnehmen, die für sie passen – das ist in jedem Betrieb unterschiedlich. Ralf Sikorski, der stellvertretende Vorsitzende der IG BCE, trifft den Nagel auf den Kopf, wenn er sagt: „One size fits all – das passt eben keinem so richtig.“ Wir brauchen jetzt einen Modernisierungsschub bei den Arbeitsbedingungen, der beide Seiten weiterbringt – Arbeitgeber und Arbeitnehmer.

Kein plattes „Zeit statt Geld“

Wie passt die gewerkschaftliche Forderung nach einem Zukunftskonto hierzu?

 

Mit ihrer Forderung nach einem Zukunftskonto ist die IG BCE weg von der platten Forderung „Zeit statt Geld“, die andere Gewerkschaften haben. Es geht ihr um einen bestimmten Zukunftsbetrag, für dessen Verwendung der Mitarbeiter Entscheidungsspielraum haben soll. Ralf Sikorski hat bei seiner Vorstellung der Forderung erläutert, das könne eine Freistellung sein, eine Nutzung für betriebliche Altersversorgung oder ein Eigenbeitrag zur Qualifizierung. Das geht im Prinzip in die richtige Richtung, ist aber in jedem Fall mit Kosten verbunden – und dafür gibt es derzeit keinen Spielraum.

 

Das Thema Qualifizierung steht ja ebenfalls ganz oben auf der Agenda. Wie gehen die Gespräche da voran?

 

Auch zu diesem wichtigen Thema haben wir schon erste Ideen entwickelt. Am Anfang steht eine Bedarfsanalyse im Betrieb: Welchen Stand haben die Mitarbeiter, wie entwickeln sich die Tätigkeiten in den nächsten Jahren? Der Abstand dazwischen ist der Qualifizierungsbedarf. Um unsere Unternehmen zu unterstützen, planen wir Tools bereitzustellen – Softwareelemente, die wir gemeinsam mit der IG BCE entwickeln. Qualifizierung ist für unsere Unternehmen ein wichtiges Thema, sie sagen allerdings auch: Während der Arbeitszeit ist dafür kaum Spielraum vorhanden, weil das betriebliche Arbeitsvolumen abgedeckt werden muss. Also muss Qualifizierung außerhalb der Arbeitszeit erfolgen. Und hier kommen wir zur Eigenverantwortung des Mitarbeiters: Mit der IG BCE haben wir ein gemeinsames Verständnis darüber, dass das Arbeitsverhältnis kein All-inclusive-Paket ist. Dafür, dass ein Mitarbeiter beschäftigungsfähig bleibt, ist nicht nur sein Arbeitgeber, sondern ebenso er selbst verantwortlich. Diesen Grundsatz haben wir bereits tarifvertraglich verankert – aber wir müssen diese Verantwortung weiter stärken. Auch darüber diskutieren wir aktuell mit der IG BCE.

„Digitalisierung als Chance begreifen“

Welches Signal wollen Sie den Beschäftigten geben? Schließlich verändert die Digitalisierung die Arbeitswelt ja tiefgreifend.

 

Wir wollen ein klares Signal gegen Pessimismus setzen. Natürlich, Digitalisierung ist eine Herausforderung. Und wir als Sozialpartner wollen bei diesem Thema gemeinsam weiterkommen. Die Chancen stehen gut, dass wir dabei – wie schon auf anderen Gebieten – erfolgreich bleiben. Viele Tätigkeiten in der Chemie werden sich ändern. Für diesen Wandel wollen wir die Beschäftigten fit machen. Mit dem Qualifizierungselement, das wir gerade bearbeiten, schaffen wir hier eine gute Basis. Wichtig ist zudem, dass die Mitarbeiter bereit sind, neue Kompetenzen zu erlernen. Wir alle müssen die Digitalisierung als Chance begreifen, auch für eine flexiblere Arbeitswelt.

 

Kommen wir nochmal zum Arbeitsvolumen. Wie groß ist der Handlungsdruck bei diesem Punkt?

 

Sehr groß. Das Arbeitsvolumen sinkt schon heute – wegen der demografischen Entwicklung, wegen des Fachkräftemangels in bestimmten Berufen und zusätzlich jetzt auch noch wegen der Brückenteilzeit, die der Gesetzgeber seit Jahresbeginn festgeschrieben hat. Zwar gibt es bereits eine Option in den Tarifverträgen, die es ermöglicht, das Arbeitsvolumen zu erhöhen – auf kollektiver Basis, für ganze Betriebe oder Arbeitnehmergruppen. Die Regelung wird auch häufig genutzt. Das Verfahren ist aber sehr schwerfällig und es dauert. Das könnte noch ein wenig einfacher, besser und schneller gehen: Wenn Arbeitgeber und Arbeitnehmer sich einig sind, dass der Arbeitnehmer während einer bestimmten Phase statt 37,5 Wochenstunden etwa 40 Stunden arbeitet – bei entsprechend besserer Bezahlung –, dann muss dies doch für die beiden unkompliziert umsetzbar sein. Und zwar einschließlich der Wahlmöglichkeit: Will der Beschäftigte die zusätzlichen Stunden später ausgezahlt haben oder durch Freizeit ausgleichen? Anwendung fänden solche Regelungen beispielsweise, wenn ein wichtiges Projekt ansteht und wenn ein Arbeitnehmer – sagen wir zwei Jahre lang – mehr arbeiten und zusätzlich Geld verdienen möchte, weil er eine Familie gründen und ein Haus bauen will. Da brauchen wir ein gemeinsames Verständnis mit der IG BCE, dass wir schnell zu Lösungen kommen und keine unnötigen Schleifen drehen. Die Zeit drängt in solchen Fällen eben manchmal.

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