Video veröffentlicht am  17.10.2019

Tarifrunde #Chemie2019: Interview mit BAVC-Verhandlungsführer Georg Müller

Zum Auftakt der bundesweiten Chemie-Tarifverhandlungen erläutert Georg Müller, Verhandlungsführer der Chemie-Arbeitgeber, warum die Arbeitgeber die Forderungen der IG BCE ablehnen. In unserem exklusiven Video-Interview erklärt er die schwierige wirtschaftliche Lage der Unternehmen und fordert Realismus von der Gewerkschaft.

Die regionalen Verhandlungen liegen hinter uns. Was nehmen Sie daraus mit?

Wir haben in den regionalen Verhandlungen gesehen, dass wir sehr weit auseinander liegen. Die Gewerkschaft hat ihre Position deutlich gemacht, aber auch nach allen regionalen Verhandlungen haben wir das nicht wirklich nachvollziehen können. Wir sind in einer schwierigen Situation und wir werden eine sehr schwierige Tarifrunde haben. Je weniger man verteilen kann, umso schwieriger sind diese Diskussionen. Und wir haben in den regionalen Runden sehr deutlich gemacht, dass unser Verteilungsspielraum, den wir sehen, gegen Null geht. Das macht die Gewerkschaft natürlich nicht glücklich, aber so ist es nun mal, wenn man in einer Krisenzeit Tarifverhandlungen führt.

 

Wie ernst ist die wirtschaftliche Lage in der Chemie?

Die Lage ist sehr ernst. Wir haben seit dem vierten Quartal 2018 in den dann folgenden Quartalen absolute Minusentwicklungen gehabt: Die Produktion ist runtergegangen, die Produktivität ist runtergegangen, der Umsatz ist runtergegangen. Alle wichtigen Kennziffern in der Chemie sind in den Minusbereich gegangen und das ist etwas, was wir realisieren müssen. Wir nehmen weniger Geld ein als 2018, aber unsere Kosten sind höher. Und das muss man realisieren, das muss man sehen. Eine solch schwierige Situation hatten wir seit zehn Jahren nicht mehr – und vor zehn Jahren war 2008 und 2009, der Krisenzeitraum.

 

Die IG BCE sagt, die Arbeitgeber sollten „aus einem leichten Abschwung keine Krise machen“.

Vielleicht um das mal ganz klar zu sagen: Wir reden keine Krise herbei und wir backen uns auch keine Krise. Wir schauen einfach nur auf die Zahlen und auf die Fakten. Und deswegen weiß auch die IG BCE, dass es der chemischen Industrie in Deutschland nicht gut geht. Wir können hier nicht hingehen und akzeptieren, dass Zahlen schöngeredet werden, sondern wir müssen bei den Fakten bleiben. Und wenn wir bei den Fakten bleiben, dann müssen wir sehen, dass die Forderung der IG BCE unrealistisch ist. Wir wachsen nicht, wir schrumpfen. Und hier können wir nicht hohe Forderungen in einer Tariflandschaft gebrauchen.

 

Eine Forderung ist ein „Zukunftskonto“, auf das 1.000 Euro pro Tarifmitarbeiter und Jahr fließen sollen, etwa für freie Tage. Hat das Zukunft?

Wir haben über diese Frage in der letzten Tarifrunde schon sehr hart mit der Gewerkschaft diskutiert und auch nach der jetzt stattgefundenen regionalen Runde ist den Arbeitgebern nicht klar, wie das überhaupt funktionieren soll. Denn eins ist klar: Wir sind in einer Phase von massivem Fachkräftemangel und jede zusätzliche freie Zeit für unsere Fachkräfte in der Chemie bedeutet, dass wir die Kapazität auffüllen und sicherstellen müssen. Das ist ein absolutes Muss und hier ist nicht klar, wie das überhaupt funktionieren soll. Das müssen wir mit der Gewerkschaft diskutieren. Hier müssen wir, wenn es überhaupt funktionieren soll, auch entsprechende Lösungen finden, die für die Arbeitgeber okay sind. Und das kann nur auf betrieblicher Ebene am Ende auch realisiert werden.

 

Außerdem gefordert: eine Qualifizierungsoffensive und eine tarifliche Zusatzversicherung. Hat die Chemie da Nachholbedarf?

Qualifizierung ist für die chemische Industrie essenziell wichtig. Denn wir brauchen eine Beschäftigungsfähigkeit unserer Mitarbeiter, damit wir die Veränderungen, die wir in der Vergangenheit hatten und auch jetzt in der Zukunft haben werden, gut und konstruktiv gestalten. Insofern investiert die Chemie sehr viel in die Qualifizierung, schon immer und auch deutlich mehr, als es andere Branchen tun. Insofern haben wir da überhaupt keinen Nachholbedarf – im Gegenteil. Es ist aber wichtig, dass man erkennt, dass Qualifizierung keine Einbahnstraße ist, sondern hier muss der Arbeitgeber etwas tun, aber hier muss auch der Arbeitnehmer sich einbringen, durch Lernbereitschaft, Veränderungsbereitschaft, aber eben auch dadurch, dass er eigene freie Zeit in seine eigene Qualifizierung steckt. Ich glaube, das ist klar, dass beide Seiten etwas tun müssen. Was das Thema Pflege betrifft, ist dieses Thema sicherlich in der aktuellen Zeit ein Thema, was an Bedeutsamkeit gewinnen wird. Wenn wir es schaffen, hier eine tarifliche Regelung zu finden, die das absichert, ist das sicherlich sinnvoll. Aber es kostet Geld und in der aktuellen Situation, der Krise, in der wir stecken, können wir höhere Arbeitskosten überhaupt nicht gebrauchen.

 

Aber muss die Branche nicht noch attraktiver werden im Fachkräftewettbewerb?

Ich glaube, dieses Thema Attraktivität ist wichtig. Aber die Gewerkschaft darf dieses Thema nicht überstrapazieren. Die Chemie ist und bleibt ein hochattraktiver Arbeitgeber. Das sieht man, wenn man sich die tariflichen Regelungen anschaut. Das sieht man, wenn man sich aber auch anschaut, was die Firmen in der Fläche von A bis Z tun, um etwas für die Attraktivität zu machen. Da gibt es eine Altersversorgung, die tariflich existiert. Da gibt es einen Demografiefonds, der unterstützt. Da gibt es Möglichkeiten der Qualifizierung und des Trainings. Und es gibt zuletzt natürlich auch ein Entgelt, was mit durchschnittlich 62.000 Euro für einen Tarifmitarbeiter extrem hoch ist. Also insofern: Die Chemie tut sehr, sehr viel für eine Attraktivität, die gegeben ist. Aber Attraktivität ist auch kein Selbstzweck. Attraktivität kann nur dann angeboten werden, wenn diese Attraktivität auch durch die Arbeitnehmer und durch die Firmen finanziert wird.

 

Mit welchen Erwartungen gehen die Arbeitgeber jetzt in die Bundesrunde?

Ich habe drei Erwartungen. Die erste Erwartung ist, dass die Gewerkschaft akzeptiert und sieht, dass wir in einem schwierigen weltwirtschaftlichen Umfeld sind. Und das hat einen massiven Einfluss auf die Chemie in Deutschland. Die zweite Erwartung ist, dass wir erkennen und dass die Gewerkschaft akzeptiert, dass wir in Deutschland eine große Herausforderung haben, weil Produktion, Produktivität und Umsatz zurückgehen wie seit zehn Jahren nicht mehr. Das müssen wir erkennen. Wir haben hier eine Krisensituation. Und die dritte Erwartungshaltung ist, dass die Gewerkschaft dann hingeht und tatsächlich auch ihre Ansprüche reduziert, sodass wir eine gemeinsame Basis finden für eine Tarifrunde hier in 2019. Dass wir am Ende ein Ergebnis erzielen, was verkraftbar ist für die 1.900 Firmen in der Fläche der Chemie.

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