Interview veröffentlicht am  02.10.2019

„Wer soll das bezahlen?“

Die Chemie-Gewerkschaft IG BCE geht mit der Forderung nach einer tariflichen Pflegezusatzversicherung in die Tarifrunde 2019. Ihr Vorbild: die Regelung, die Henkel für seine Mitarbeiter vereinbart hat. Wie die Chemie-Arbeitgeber zu dieser Forderung stehen und was die Branche bereits zur Absicherung im Pflegefall bietet, erklärt Lutz Mühl, Geschäftsführer Wirtschaft und Sozialpolitik beim Bundesarbeitgeberverband Chemie (BAVC).

BAVC-Geschäftsführer Wirtschaft und Sozialpolitik Lutz Mühl. Foto: BAVC

Herr Mühl, wie wirkt sich der demografische Wandel in der chemischen Industrie aus?

Der Anteil der Beschäftigten über 55 ist in den letzten zwei Jahrzehnten deutlich gestiegen. Aktuell sind etwa 20 Prozent der Belegschaften 55 Jahre und älter. Wir gehen davon aus, dass dieser Anteil in fünf bis sechs Jahren noch auf 25 Prozent ansteigt und nach 2025 dann wieder sinkt. Da das Risiko, pflegebedürftig zu werden, im Alter zunimmt, steigt mit dieser Entwicklung natürlich auch die Bedeutung des Themas Pflege.

 

Was bedeutet das konkret?

Pflege hat ja immer zwei Aspekte: Zum einen das Risiko, dass ich als Beschäftigter selbst pflegebedürftig werde, während des Erwerbslebens oder danach. Je höher der Anteil älterer Beschäftigter, umso greifbarer wird es für die Arbeitnehmer, dass sie irgendwann in diese Situation kommen könnten. Umso klarer wird vielfach auch, dass die gesetzliche Pflegeversicherung alleine die Kosten in diesem Fall nicht abdecken wird. Auch die nachkommenden Beschäftigtengenerationen, die durch den demografischen Wandel kleiner werden, werden das nicht alles bezahlen können. Jeder sollte also zusätzlich selbst vorsorgen.

 

Der zweite Aspekt ist, dass es jemanden in der Familie betreffen kann. Auch hier wird immer mehr Beschäftigten klar, dass sie mit ihren Angehörigen überlegen müssen, wieviel Eigenvorsorge diese noch aufbauen können. Anderenfalls können auf die, die noch im Arbeitsleben stehen, große zeitliche und finanzielle Zusatzbelastungen zukommen.

 

Welche Absicherung bietet die Chemie Mitarbeitern bereits, die zum Pflegefall werden?

Speziell für die Pflegebedürftigkeit gibt es derzeit keine branchenweite Absicherung. Es gibt das betriebliche Modell der Pflegezusatzversicherung, zum Beispiel bei Henkel; die meisten Beschäftigten in der Fläche sind aber auf die gesetzliche oder private Pflegeversicherung angewiesen. Nur für den Fall der Berufsunfähigkeit haben wir in der Branche bisher die Option, ganze Belegschaften von Betrieben zu speziellen Konditionen zu versichern. Das ist eine Option für die Verwendung des Demografiefonds[1]. Im Betrieb kann vereinbart werden diesen dafür zu verwenden; das Geld kann aber auch für andere Zwecke wie die betriebliche Altersvorsorge genutzt werden, die ja auch eine Vorsorge für Pflege und andere Situationen ist, die im Alter kommen können.

 

Spezielles Angebot bei Berufsunfähigkeit

Wie funktioniert die Berufsunfähigkeitszusatzversicherung Chemie (BUC)?

Die Chemie-Sozialpartner haben dazu einen speziellen Tarif mit einer Versicherung vereinbart. Wenn ein Betrieb und die Beschäftigten sagen, wir möchten einen Teil des Demografiefonds für die BUC verwenden, wird die gesamte Belegschaft hierüber kollektiv versichert. Dann gibt es auch keine ausführliche Gesundheitsüberprüfung oder weitere Fragen. Den Beschäftigten, die ihren aktuellen Beruf gesundheitsbedingt nicht mehr ausüben können, zahlt die BUC dann später eine monatliche Rente. Zusätzlich zur kollektiven Basisabsicherung haben einzelne Beschäftigte dabei auch die Möglichkeit den Versicherungsschutz für sich zu erhöhen.

 

Gibt es weitere Unterstützungsmöglichkeiten im Chemie-Tarifvertrag?

Schwerpunkt der betrieblichen und tariflichen Sozialleistungen in der Chemie ist traditionell die Altersvorsorge. Hier sind wir als Branche hervorragend aufgestellt, und sehr, sehr viele Beschäftigte erhalten heute und in Zukunft eine attraktive Betriebsrente. In den allermeisten Betrieben gibt es das schon seit Jahrzehnten. Vor 20 Jahren haben wir dann noch tarifliche Gelder dazugepackt, so dass jeder Arbeitnehmer alleine tariflich jetzt über 600 Euro im Jahr für seine Betriebsrente bekommen kann. Zusätzlich können die 750 Euro aus dem Demografiefonds eingebracht werden, wenn sich die Betriebsparteien darauf einigen. Und wenn Arbeitnehmer zudem eigenes Geld einzahlen, gibt es vom Arbeitgeber noch mal einen Zuschuss. In vielen Betrieben fließen so jedes Jahr weit über 1.000 Euro an tariflich vereinbarten Geldern für jeden Beschäftigten in die Altersvorsorge. Eine solide Betriebsrente hilft natürlich auch, im Pflegefall entsprechende Kosten decken zu können.

Entscheidend ist das Preisschild

Die Gewerkschaft IG BCE fordert in der anstehenden Tarifrunde eine tarifliche Pflegezusatzversicherung. Wie stehen die Arbeitgeber zu dieser Forderung?

Wir sehen, dass unsere Gesellschaft mit dem durch den demografischen Wandel wachsenden Pflegebedarf vor großen Herausforderungen steht. Und ja, wir sehen auch, dass die gesetzlichen Sozialversicherungen das nicht alles werden stemmen können; auch dort dürfen die Kosten ja nicht ins Uferlose steigen. In der Vergangenheit ist bei uns hier in Deutschland sehr viel über Familienpflege zu Hause gelaufen, das wird so nicht mehr überall funktionieren. Die Lebensentwürfe und die gesellschaftlichen Strukturen haben sich verändert. Zudem brauchen wir die Menschen im arbeitsfähigen Alter auch als Fachkräfte in den Unternehmen.

 

Entscheidend ist am Ende aber natürlich das Preisschild, das heute und in Zukunft an einer solchen Zusatzabsicherung hängt. Wer zahlt das? Da müssen wir vor der Tarifrunde klar sehen: Die Industrie, sowohl unsere als auch andere Branchen, ist in den letzten Monaten in eine Rezession gerutscht. Wir kämpfen jetzt schon mit Arbeitskosten, die im internationalen Vergleich extrem hoch sind. Die Produktivität der Beschäftigten ist dagegen zuletzt geschrumpft. In der aktuellen wirtschaftlichen Situation dürfen die Arbeitskosten nicht weiter steigen.

 

Muss es also bei individuellen Lösungen in den Betrieben bleiben, die sich das leisten können?

Das muss nicht zwingend so sein: Wir haben schon jetzt sehr umfangreiche tarifliche Leistungen. Wir könnten zum Beispiel auch überlegen, ob wir von diesen Leistungen etwas umwidmen, wenn wir gemeinsam überzeugt sind, dass heute Pflege eine zentrale Frage der Zukunft ist. Eine solche Versicherung für die Beschäftigten einer ganzen Branche verpflichtend abzuschließen, wirft aber auch eine Vielzahl komplexer organisatorischer und rechtlicher Fragestellungen auf. Wir müssen sehen, ob und wie schnell diese geklärt werden können.

 

Ihr Sozialpartner nennt die Zusatzversicherung ein „Alleinstellungsmerkmal“ und ein „Plus an Attraktivität“ für die Branche. Wie beurteilen Sie die Bedeutung solcher Innovationen für den Fachkräftewettbewerb? Kann Pflege da ein Faktor sein?

Genau wie die Altersvorsorge, genau wie sehr gute Möglichkeiten zur Weiterbildung oder die hervorragende Bezahlung in unserer Branche kann auch eine betriebliche oder tarifliche Pflegeversicherung ein positives Argument zur Gewinnung von Fachkräften sein. Aber sowohl für die Pflegeversicherung als auch für all die anderen Aspekte gilt: Unternehmen können zur Gewinnung von Fachkräften nur das anbieten, was die Fachkraft mit ihrer Arbeit erwirtschaftet. Die Gewinnung von Fachkräften ist kein Selbstzweck, sondern dient dem erfolgreichen Führen eines Wirtschaftsbetriebs im weltweiten Wettbewerb mit anderen Anbietern und Standorten. Wenn Unternehmen so viele Attraktivitätspunkte zusätzlich bezahlen müssen, dass es sich wirtschaftlich nicht mehr lohnt, brauchen sie auch die Fachkraft nicht mehr. Unterm Strich muss es sich immer für beide Seiten lohnen.

 

[1] Der „Tarifvertrag Lebensarbeitszeit und Demografie“ legt fest, dass es in jedem Betrieb einen Demografiefonds gibt. Für diesen stellen die Chemie-Arbeitgeber jedes Jahr für jeden Vollzeitbeschäftigten 750 Euro zur Verfügung. Das Geld kann für verschiedene tariflich festgelegte Zwecke genutzt werden. Was im Betrieb am besten passt, entscheiden Betriebsrat und Arbeitgeber gemeinsam.

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