Interview veröffentlicht am  11.10.2019

Wie die Digitalisierung die Weiterbildung verändert

Eine Forderung der Gewerkschaft IG BCE in der Tarifrunde #Chemie2019: eine „Qualifizierungsoffensive zur Begleitung des digitalen Wandels“. Dass die Digitalisierung Geschäftsmodelle, Arbeitsplätze und damit die notwendigen Qualifikationen der Chemie-Mitarbeiter verändert, ist offensichtlich. Aber durch das Tempo und das Ausmaß des Wandels der Arbeitswelt verändert sich auch die Weiterbildung selbst: Passgenaue Weiterbildungsangebote werden aufwendiger für die Unternehmen, zugleich wird die Eigenverantwortung der Mitarbeiter noch wichtiger.

Zu diesen Schlüssen kommt Susanne Seyda, Ökonomin für Fachkräftesicherung und Weiterbildung am Institut der deutschen Wirtschaft in Köln. Alle drei Jahre analysiert sie in einer Erhebung die Weiterbildungslandschaft in Deutschland. In der aktuellen Fassung hat sie den Fokus auf den Zusammenhang zwischen Qualifizierung und Digitalisierung gerichtet. Ihre Analyse im Interview:

Frau Seyda, wie verändert die Digitalisierung die Weiterbildung?

Die Digitalisierung wirkt sich auf zwei Arten auf die Weiterbildung aus: Einerseits werden durch den Wandel in der Arbeitswelt andere Inhalte und neue Themen in der Weiterbildung relevant. Andererseits ermöglicht die Digitalisierung auch andere Lernmethoden, weil es digitale Lernmedien gibt, die neue didaktische Konzepte verwenden. Es ändert sich also gleichzeitig, was man lernt und wie man lernt. Bei den Inhalten geht es nicht nur um technisches Know-how, sondern auch um Soft Skills wie Team- und Kommunikationsfähigkeit.

 

Welche neuen Methoden sind das beispielsweise?

Die Bandbreite ist groß: Es gibt interaktives webbasiertes Lernen, beispielsweise Webinare und virtuelle Klassenräume. Außerdem setzen Unternehmen häufig auf Lernvideos, Podcasts, Audiomodule und webbasierte Selbstlernprogramme am Computer. All diese Angebote werden intensiv genutzt. In unserer IW-Weiterbildungserhebung hat sich gezeigt, dass der allergrößte Teil der Unternehmen mindestens schon ein digitales Lernangebot anwendet. Aus Unternehmenssicht liegt der Vorteil dieser Angebote vor allem in der hohen räumlichen und zeitlichen Flexibilität.

 

Wie aktiv ist denn die Chemieindustrie in Sachen Weiterbildung?

Die IW-Weiterbildungserhebung zeigt, dass in der Chemiebranche mehr als 93 Prozent der Unternehmen weiterbildungsaktiv sind. Über alle Branchen betrachtet geben nur 85 Prozent der Firmen an, dass sie Weiterbildungsangebote für ihre Mitarbeiter haben. Die Ausgaben für Weiterbildung liegen insgesamt bei 33,5 Milliarden Euro pro Jahr. Diese Daten belegen das große Engagement der Unternehmen.

 

Und die Chemie schneidet in fast allen Aspekten besser ab als andere Branchen (siehe Grafik). Unsere Zahlen zeigen, dass die Weiterbildungskultur in der Chemie intensiver gepflegt wird als beispielsweise im Verarbeitenden Gewerbe insgesamt. Außerdem haben wir herausgefunden, dass die Chemieunternehmen die Digitalisierung deutlich stärker als Chance wahrnehmen als etwa das gesamte Verarbeitende Gewerbe, das größere Risiken sieht.

Wie müssen die Unternehmen mit ihrer Weiterbildungsstrategie auf die Digitalisierung reagieren?

Die Digitalisierung sorgt für eine drastische Veränderung der Geschäftsmodelle. Aufgrund des hohen Tempos der Veränderung kann Weiterbildung kaum – wie in der Vergangenheit – für einen Zeithorizont von mehreren Jahren geplant werden. Vielmehr müssen Weiterbildungen kurzfristig an sich wandelnde Geschäftsmodelle angepasst werden. Daher ist es entscheidend zu definieren, über welche Kompetenzen die Mitarbeiter zukünftig verfügen sollten, und den Weiterbildungsbedarf im Unternehmen kontinuierlich zu erfassen. Hier haben die Unternehmen häufig noch Orientierungsbedarf: Etwa ein Viertel gibt an, dass die Ermittlung des Weiterbildungsbedarfs durch die Digitalisierung deutlich schwieriger geworden ist. Die Einbindung der Mitarbeiter in die Weiterbildungsplanung kann hilfreich sein, um individuelle Bedarfe aufzudecken.

 

Machen die Innovationen, die die Digitalisierung mit sich bringt, die Weiterbildung aufwendiger?

Das Tempo in der Arbeitswelt ist deutlich gestiegen und dadurch ist Weiterbildung schlechter planbar, die Bedarfsermittlung wird schwieriger. Durch veränderte Geschäftsmodelle wandeln sich auch die Aufgabenfelder der Mitarbeiter. Es geht also um mehr, als das bestehende Fachwissen kontinuierlich in die gleiche Richtung weiter auszubauen. Man nehme nur mal das Beispiel, wenn in einem Unternehmen die „klassische“ Produktion durch die Nutzung eines 3D-Druckers ersetzt würde. Die benötigten Kompetenzen sind auf einmal andere, so dass auch die Weiterbildung komplett neu ausgerichtet werden muss.

 

Eine weitere Herausforderung liegt darin, passende Weiterbildungsangebote zu finden, da die Weiterbildungsbedarfe durch die Digitalisierung immer individueller werden. Gerade kleine und mittlere Unternehmen stehen hier vor großen Herausforderungen, während große Unternehmen eher in der Lage sind, passgenaue Weiterbildungsmaßnahmen in Eigenregie zu entwickeln.

Die Geschwindigkeit in der Arbeitswelt steigt durch die Digitalisierung – wird Zeit für Weiterbildung dadurch kostbarer?

Der größte Teil der Weiterbildung wird heute vom Arbeitgeber unterstützt und findet zu 87 Prozent während der Arbeitszeit statt. Genau die fehlende Zeit ist der größte limitierende Faktor für Unternehmen. Sie ist ein viel größeres Hemmnis als fehlendes Geld. Mitarbeiter, die zur Weiterbildung gehen, können in dieser Zeit nicht arbeiten und sind im Arbeitsalltag schwer zu ersetzen.

 

Sollten die Beschäftigten sich deshalb stärker selbst für Weiterbildung engagieren, in der eigenen Zeit und auf eigene Kosten?

Die Verantwortung der Mitarbeiter für ihre Bildungs- und Erwerbsbiografie nimmt zu. Die Mitarbeiter sollten sich zum Beispiel aktiv daran beteiligen zu ermitteln, welche Kompetenzen sie benötigen, um ihre Tätigkeit auch im digitalen Zeitalter ausüben zu können. Auch die Frage, wer die Kosten der Weiterbildung – sowohl Zeit als auch Geld – übernimmt, stellt sich heute neu. Die kontinuierliche Qualifikation der Belegschaften ist eine gewaltige Investition, von der Arbeitgeber und Arbeitnehmer profitieren. Da ist es nur konsequent, dass sich beide Seiten an dieser Investition beteiligen.

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