Grafik veröffentlicht am  25.09.2019

Chemie-Tarifrunde: Worauf es bei der Lohnentwicklung ankommt

IW-Tarifexperte Hagen Lesch. Foto: IW

Was bedeutet die schwierige wirtschaftliche Lage bei Chemie und Pharma für die Tarifrunde #Chemie2019? Hagen Lesch, Tarifexperte am Institut der deutschen Wirtschaft in Köln, erläutert die wichtigsten Indikatoren und Trends: Was beeinflusst, ob ein Lohnplus für Tarifmitarbeiter überhaupt realistisch und für die Chemie- und Pharma-Unternehmen in Deutschland tragbar wäre?

Lohnstückkosten: Unternehmen sind immer weniger wettbewerbsfähig

„Einer der wichtigsten Gradmesser der internationalen Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen sind die sogenannten Lohnstückkosten – also das Verhältnis von Lohnkosten und Produktivität. Was die chemische und pharmazeutische Industrie betrifft, fällt zweierlei ins Auge: Einerseits tritt die Produktivität – die erbrachte Wertschöpfung pro Mitarbeiter – seit dem Jahr 2010 praktisch auf der Stelle. Andererseits sind die Löhne kräftig gestiegen. Dadurch zogen die Lohnstückkosten binnen acht Jahren um über 40 Prozent an. Diese Entwicklung gefährdet die preisliche Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen. Und sie schmälert auch deren finanzielle Spielräume, um in zukunftsfähige Produkte zu investieren.“

Arbeitskosten: Nur zwei Standorte sind teurer als Deutschland

„Deutschland ist im internationalen Vergleich ein teurer Standort für Chemie und Pharma. Nur in Dänemark und Belgien sind die Arbeitskosten höher. Für die Arbeitskosten werden nicht nur die Tariflöhne, sondern etwa auch der Arbeitgeberanteil an den Sozialabgaben, Urlaubsgeld sowie branchenspezifische Zuschläge und Zulagen betrachtet. Fast alle anderen internationalen Wettbewerber müssen für die Beschäftigtenstunde deutlich weniger bezahlen als unsere heimischen Unternehmen.

 

Zudem wird das Ausland auch immer besser, was etwa Innovationskraft und Lieferzuverlässigkeit betrifft. Um ihre Produkte verkaufen zu können, müssen die deutschen Unternehmen ihren Kostennachteil durch eine höhere Produktivität ausgleichen – oder sie bieten Produkte an, die das Ausland entweder gar nicht oder nicht in derselben Qualität herstellen kann. Beides ist aber leichter gesagt als getan.“

Entgeltniveau: Chemie-Mitarbeiter verdienen schon sehr gut

„Im Durchschnitt aller Vollzeitbeschäftigten erreichte der Bruttojahresverdienst in der chemischen und pharmazeutischen Industrie 2018 mehr als 67.400 Euro. Andere Industriebranchen wie Glas & Keramik oder Papier & Pappe liegen rund 30 Prozent darunter. Ein Nachholbedarf besteht bei den Löhnen also keineswegs. Hinzu kommt, dass laut jüngsten Prognosen die Produktion im laufenden Jahr um 6 und der Umsatz um 5 Prozent schrumpfen werden. Strenggenommen besteht also gar kein Spielraum, um die Löhne anzuheben.“

Verteilungsspielraum: Seit Jahren überreizt

„Wieviel Geld in Lohnrunden verteilt werden kann, wird durch die Entwicklung der Produktivität – also der Wertschöpfung – bei Chemie und Pharma bestimmt. Vielfach wird auch die Inflation, also die allgemeine Teuerung, noch hinzugenommen. Doch selbst wenn man beide Werte zusammenrechnet, um den sogenannten Verteilungsspielraum festzustellen, zeigt sich: Der tatsächliche Anstieg der Tarifentgelte liegt seit Jahren klar darüber. Das jedoch geht eindeutig zu Lasten von Wettbewerbsfähigkeit und Investitionen. Und der Druck auf die Unternehmen, im Krisenfall Beschäftigung abbauen, steigt. So könnte die Lohnentwicklung der letzten Jahre auch die Beschäftigungserfolge bei Chemie und Pharma gefährden.“

Differenzierung: Ein Tarifabschluss muss für alle Unternehmen tragbar sein

„Die chemische und pharmazeutische Industrie besteht aus mehreren großen Teilbranchen. Chemische Grundstoffe werden hier ebenso hergestellt wie beispielsweise Schädlingsbekämpfungs- und Pflanzenschutzmittel. Seit der letzten Wirtschaftskrise verlief die wirtschaftliche Entwicklung in diesen Bereichen teilweise sehr unterschiedlich. Hinzu kommt, dass es neben großen Unternehmen eine Vielzahl kleiner und mittlerer Unternehmen gibt – mit oft sehr unterschiedlicher Ertragskraft. All diesen Unterschieden muss ein Tarifvertrag Rechnung tragen. Er sollte daher immer Mindeststandards festlegen und ausreichend Spielraum für betriebsspezifische Lösungen lassen – etwa bei den Löhnen, aber auch bei den Arbeitszeiten.“

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